Black Sabbath – Paranoid
Geschafft! Rund sechs Monate nach Veröffentlichung des ersten Albums sind nun auch die Songs für das zweite Album im Kasten. Doch die Plattenfirma will mehr: Ein weiterer Song soll zusätzlich aufs Album. Aber bitte pronto pronto. Die Studiozeit läuft. Und die kostet eine Menge Geld.
Notnagel wird zum Megahit
Der Gitarrist, gerade allein im Studio, hat eine Idee. Nach fünf Minuten steht das Riff. Nach 25 Minuten steht der ganze Song. Weil alles so schnell geht, bekommt der Sänger seinen Text erst zehn Minuten vor der Aufnahme. Und weitere zwei Stunden später ist der Song aufgenommen. Und etwas ganz Großes.
Denn die Band sind Black Sabbath, ihr Sänger Ozzy Osbourne. Und der Schnellschusssong für das zweite Album wird dann auch zu dessen Namensgeber. Es ist das legendäre „Paranoid“.
Die tragenden Säulen der Band
Nach bereits gutem Start mit dem ersten Album setzt die Band mit „Paranoid“ zu einem Höhenflug an, der sie rund 45 Jahre lang zu einer der bekanntesten Hardrockgruppen aller Zeiten macht – bis zum Tod von Joan Michael „Ozzy“ Osbourne
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Ozzy Osbourne
Zum einen auf Ozzys leicht näselnder, etwas gepressten, hoch emotionalen Stimme, die Kopfstimme und Falsett meidet wie der Teufel das Weihwasser. Hinzu kommen die speziellen Phrasierungen: Die hat Ozzy aus dem Blues mitgebracht. Und sie lassen selbst härtesten Metal melodisch klingen.
Tony Iommi
Dann ist da Gitarrist Anthony Frank „Tony“ Iommi, dem als 17jähriger bei einem Arbeitsunfall die Kuppen von Mittel- und Ringfinger seiner Griffhand abgetrennt wurden. Um so gehandicapt die Gitarrensaiten leichter drücken zu können, stimmte Iommi seine Instrumente drei Halbtöne tiefer – der mystische, meistens leicht bedrohlich wirkende Gitarrensound von Black Sabbath war geboren.
Geezer Butler
Terence Michael Joseph „Geezer“ Butler, ein Schulfreund Ozzys, war es wohl, der wegen rechtlicher Probleme der eigentlich „Earth“ heißenden Band den neuen Namen Black Sabbath vorschlug. Entdeckt hatte Geezer ihn im gleichnamigen italienisch-französischen Horrorfilms aus dem Jahr 1963, bei dem Mario Brava Regie führte und Horror-Ikone Boris Karloff einzelne Episoden moderierte und zum Teil auch als Hauptdarsteller fungierte. Der deutsche Filmtitel „Die drei Gesichter der Furcht“ leitet sich aus dem italienischen Originaltitel „The Three Faces of Fear“ ab. Geezer war nicht nur Haupttexter der Band, sondern auch einer der ersten Musiker, der am Bass ein Wah-Wah-Pedal einsetzte. Da er sich den Erfordernissen Iommis anpasste, stimmte auch er seinen Bass drei Halbtöne tiefer. Die Basstöne klingen dadurch nicht nur wuchtiger, sondern da die nun weicher gestimmten Basssaiten stärker gegen die Bündchen der Gitarre schlagen, verstärkt sich auch der metallisch-perkussive Sound. Das macht den Basssound noch einen Tick düsterer und unheimlicher.
Bill Ward
William Thomas „Bill“ Ward spielt sein Schlagzeug nicht als reines Taktinstrument, sondern korrespondiert auf einzigartige Weise mit den Gitarren Iommys und Butlers sowie Osbournes Gesang. Angereichert durch Jazzelemente geht Ward mit seinem Sound weit über die traditionellen Rockbeats hinaus, indem er schnelle, rollende Triolen für geschmeidige Übergänge und präzise Zwischentöne verwendet, so dass sein Schlagzeugsound eine besondere Energie und Tiefe entwickelt.
Tritonus
Iommi und Butler verwenden für ihren Gitarrensound vielfach verminderte Quinten, also den sogenannten Tritonus. Vereinfacht formuliert handelt es sich dabei um eine Note, die in der üblichen Tonleiter „schief“ klingt, weil sie dort eigentlich nicht hingehört. Dieser Klang wirkt wie ein Fremdkörper. Da unser Hirn an bestimmte Hörgewohnheiten gewöhnt ist, nimmt es diesen „schiefen“ Klang als unheimlich und bedrohlich wahr, möchte ihm quasi schnellstmöglich entfliehen, indem es zum „richtigen“, harmonischen Klang zurückkehrt. Wegen seiner Wirkung wurde der Tritonus im Mittelalter als Diabolus in musica, also das Teuflische in der Musik, bezeichnet und war für die Kirchenmusik zeitweise streng verboten.
(Um nicht den Rahmen zu sprechen werden andere Besetzungen von Black Sabbath an dieser Stelle ausgeklammert.)
Sinnkrise am Rande des Wahnsinns
„Paranoid“ handelt vor allem von einer gewaltigen Sinnkrise. Weil eine bestehende Beziehung keine Hilfe bieten kann, wird sie kurzerhand beendet. Ozzy singt:
„Ich habe mit meiner Frau Schluss gemacht,
weil sie mir nicht helfen konnte, meine Gedanken in den Griff zu bekommen.
Die Leute halten mich für verrückt,
weil ich die ganze Zeit die Stirn runzele,
den ganzen Tag über irgendwelche Dinge nachdenke.
Aber nichts scheint mich zufriedenzustellen.
Ich glaube, ich verliere den Verstand.
Wenn ich nichts finde, was mich beruhigt:
Kannst du mir helfen, mein Gehirn zu beschäftigen?“
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Isolation und Verzweiflung
Jeder kennt das: Gelegentlich überfällt einen aus heiterem Himmel ein Hauch von Melancholie, manchmal sogar ein ausgesprochener Grübelzwang. Wird der extensiv, kann er in ausgewachsene Depressionen münden. Das Problematische: Freunde und Bekannte registrieren das depressive Verhalten zwar als Abweichen von der Norm. Die Isolation und den damit verbundenen inneren Schmerz nehmen sie jedoch meistens nicht wahr. Das aber befeuert die Verzweiflung noch mehr.
Mit Blindheit geschlagen
Im Song hört sich das so an:
„Ich kann die Dinge nicht sehen,
die wahres Glück ausmachen. Ich muss blind sein!“
Wer möchte schon gerne blind sein? Die Metapher der Blindheit berührt spirituelle Dimensionen: Als mit Blindheit geschlagen gilt in vielen spirituellen Strömungen derjenige, der die tiefen Zusammenhänge des Daseins nicht erkennt. Erst eine spirituelle, geistige Erleuchtung lässt demnach den Menschen zu einem – in diesem Sinne – Sehenden werden. Ohne Erleuchtung aber lebt man in einer verkehrten, verdrehten Welt, einer Welt, in der Vieles auf dem Kopf steht.
Verkehrte, pervertierte Welt
Der Song drückt das so aus:
„Mach einen Witz und ich werde seufzen.
Du wirst lachen und ich werde weinen.
Denn Glück kann ich nicht spüren.
Und Liebe ist für mich fern meiner Realität.“
Hilfe erbeten
Die Liebe gilt im spirituellen Sinn als höchste menschliche Erfahrung. Wenn die als unreal betrachtet wird, also im eigenen Leben nicht (mehr) vorkommt, dann ist die gesamte sinnliche Welt in Frage gestellt. Kein Wunder, dass der Song dies als komplette Sinnkrise, fast wie eine Psychose beschreibt. Ein Problem, das ein Mensch allein kaum bewältigen kann. Oder wie es im Song heißt:
„Ich brauche jemanden, der mir die Dinge im Leben zeigt,
die ich (allein) nicht finden kann!“
Prince of Darkness – nur die Bühnenrolle
Seine Bühnenrolle (!) als „Fürst der Finsternis“ entwickelt Ozzy Osbourne erst im Laufe der nächsten Jahre, baut sie danach aber beständig aus. Alkohol und Drogen tun ihr Übriges, so dass phasenweise die Unterschiede zwischen Bühnenrolle und realem Leben für die Öffentlichkeit kaum noch wahrnehmbar sind. Mit Satanismus oder Okkultismus hatte Ozzy Osbourne, obwohl ihm das vielfacht angedichtet wurde, jedoch zeitlebens nichts am Hut – im Gegenteil:
Gläubiger Ozzy
Als Kind wurde Ozzy christlich getauft und besuchte die Sonntagsschule, bezeichnete sich noch in den 1990er Jahren als praktizierendes Mitglied der Church of England. Bei seinen Auftritten trug er stehts ein Kreuz, betete vor Konzerten, hatte angeblich eine Bibel neben seinem Bett liegen und sprach gelegentlich, dann aber offen über seinen Glauben.
Ein Suchender auf einem „Crazy Train“
Schaut man sich seine Songs unter diesen Vorzeichen genauer an, wird vor allem eines deutlich: Ozzy Osbourne befand sich zwar zeitlebens auf einem „Crazy Train“, war aber dennoch ein ständig Suchender. Jemand, der um Unterstützung bat, um einen tieferen Sinn in seinem Leben zu finden. Durch eigenes Tun, so wohl die Wahrnehmung, kam er nicht genügend weiter. Wenn es Gott ist, der sich einem Hilfesuchenden zuwendet, nennen Christen das Gnade.
Deshalb dürfte der Blick bei der Frage, wo Ozzy denn nun weitersingt, nicht „nach unten“ gehen, sondern eher „nach oben“ – vielleicht gerade weil menschliches Leben nur selten in exakt geraden Bahnen verläuft. Und weil Zweifel, Suche und Krise immer auch dazugehören. Manchmal sogar bis an den Rand des Wahnsinns.
Black Sabbath – „Paranoid“
Der bei Classic Rock Radio gesendete Beitrag ist eine Kurzfassung dieses Textes.
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