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Smiths, The – Meat Is Murder

„Ich möchte, dass sie versuchen, die Geräusche eines Schlachthofs zu erzeugen!“
Mit diesen Worten schlug anno 1985 Morrissey beim Soundingenieur Stephen Street auf. So etwas hatte es noch nie gegeben. Damals ging es um das zweite Album der britischen Rockband The Smiths, an deren Spitze Johnny Marr und eben jener Steven Patrick Morrissey standen.

Nummer-Eins-Album

„Meat Is Murder“ sollte das Album heißen. „Fleisch ist Mord“ also. Oder genauer: Fleisch zu essen bedeutet Mord! Soviel schon mal vorweg: Das Album „Meat Is Murder“ wurde zum einzigen Nummer-Eins-Album der Smiths in Großbritannien.
Seit seiner Jugend ist Morrissey strenger Vegetarier. Und so wundert es wenig, dass er schon vor fast 40 Jahren seinen Standpunkt zum Thema Tierrechte musikalisch in die Welt hinausposaunte. Übrigens auch da waren The Smiths Vorreiter: Nie zuvor hatte es einen Song gegeben, der sich dieser Thematik widmete. Er genieße es, den Millionen von Tieren, die täglich umgebracht würden, auf diese Weise eine Stimme zu geben.

Äußerst emotionaler Text

Wie Morrissey das tat, geht auch heute noch unter die Haut. Denn im Text heißt es:

„Das Gejammere der jungen Kühe könnten menschliche Schreie sein.
Das kreischende Messer kommt immer näher.
Dieses wunderschöne Geschöpf muss sterben.
Und der Truthahn, den du festlich gestimmt zerlegst.
Ein Tod ohne Grund. Ein Tod ohne Grund aber ist Mord.
Und das Fleisch, dass du so phantasievoll brätst,
ist nicht saftig, nicht schmackhaft oder angenehm.
Genauso wie das Kalb, das du mit einem Lächeln aufschneidest
Es ist Tod ohne Grund. Und Tod ohne Grund ist Mord.“

Heiliger Ernst

Morrissey untersagte es seinen Bandkollegen, sich beim Essen fotografieren zu lassen – so ernst war es ihm mit der Sache. Heiliger Ernst, sozusagen. Wenngleich sich die Theologen bis heute nicht wirklich einig sind, ob die Bibel nun den Fleischgenuss erlaubt oder nicht. In den ersten Texten der Bibel ernähren sich die Menschen eindeutig von Pflanzen und Früchten. Erst in späteren Kapiteln „machen sie sich die Erde untertan“, stellen sich also auch dadurch über die Tiere, dass sie ihnen nicht nur einen Namen geben, sondern später auch jagen und verzehren.

Für die Erde sorgen

Alles Quatsch, sagen die Kritiker. Sich die Erde untertan zu machen, enthalte die Verantwortung für die Mitgeschöpfe. So wie ein guter König für alle Untertan sorgen müsse, so habe auch der Mensch die Verpflichtung, sich positiv zu seinen Mitgeschöpfen zu verhalten.

Speisegebote im Alten Testament

Klar ist in jedem Fall: Im Alten Testament gelten bestimmte Tiere als unrein und sollen nicht verzehrt werden. Menschen jüdischen Glaubens leiten bis heute daraus ab, dass nur Fleisch von wiederkäuenden Tieren verzehrt werden darf. Fleisch von Wildtieren und, wie im Islam, das Schweinefleisch dürfen also nicht gegessen werden. Schweine gelten als unrein.

Keine Speisegebote im Christentum

Im Christentum hingegen gibt es keinerlei Beschränkungen bezüglich des Verzehrs von Tieren. Allenfalls freitags sollen die Gläubigen kürzertreten, Fisch essen, der in früheren Zeiten tatsächlich ein Arme-Leute-Essen war. Für den Karfreitag, den Todestag Jesu, galt und gilt das Freitagsgebot ganz besonders. Andere Speisegebote kennt das Christentum nicht.

Papst Franziskus: Weg vom despotischen Anthropozentrismus

Aber sehr wohl gibt es vor allem in den letzten Jahren immer mehr Stimmen, die aus ganz anderen Gründen zum Verzicht auf Fleisch aufrufen: Wer heute Fleisch isst, unterstützt damit ein würdeloses System industrieller Tierhaltung, so die Argumentation. Ein System, in dem Tiere nicht artgerecht gehalten werden, leiden, wie Gegenstände behandelt werden, mit denen der Mensch, die „Krone der Schöpfung“, macht, was er will. Es werde Zeit, sich von diesem despotischen Anthropozentrismus zu verabschieden, signalisiert auch Papst Franziskus deutlich.

Descartes: Tiere sind seelenlose Automaten

Ob Tiere wie der Mensch eine Seele haben, ob sie Mitgeschöpfe auf der gleichen Stufe sind wie der Mensch – diese Diskussion lassen wir an dieser Stelle einmal völlig außen vor. Oder berücksichtigen sie allenfalls insoweit, dass wir dem Philosophen Descartes widersprechen. Denn der ging vor rund 400 Jahren noch davon aus, dass Tiere seelenlose Automaten seien, mit denen man machen dürfe, was man wolle. Was die Automaten anbelangt, sind wir heute schon ein Stückchen weiter, wenn auch noch lange nicht weit genug.

Fleischverzicht = Klimaschutz

Weil der Mensch zumeist nur dann lernt, wenn es ihm selbst an den Kragen geht, zumindest an dieser Stelle der Hinweis: Durch die Haltung von schier unglaublichen Mengen an Tieren steht die Erde vor einem Kollaps. Wohlgemerkt: Die Erde wird sich weiterdrehen. Nur werden die Lebensbedingungen für uns Menschen immer problematischer. Erinnert seien an die wahnwitzige Verschwendung von Wasser, an das Abholzen von Regenwäldern und an den Ausstoß von Treibhausgasen. Und deshalb werden unsere Politiker, aber auch Fridays for Future und andere Organisationen nicht müde, immer wieder dazu aufzufordern, unserem Planeten die Begleiterscheinungen eines übermäßigen Fleischkonsums bewusst zu machen und auf einen Verzicht hinzuwirken. Was vom Ergebnis dann wieder dasselbe ist wie die Aufforderung der Bibel, sich um alles auf der Erde wie ein weiser, sich sorgender Herrscher zu kümmern und dafür verantwortungsvoll zu fühlen.

Gedanken, die zumindest im Ansatz Morrissey bewogen haben dürften, den Fleischkonsum als Mord an Tieren darzustellen.

Stephen Streets Sound

Soundingenieur Stephen Street übrigens löste die ihm gestellte Aufgabe, die drohende Situation eines Schlachthofes zu erzeugen, auf die ihm eigene Weise: Vorgefertigte Soundeffekte von glücklich muhenden Kühen jagte er durch einen Harmonizer und verlagerte die Tonhöhe nach unten, wodurch sie schon weniger glücklich klangen. Dasselbe machte er mit Maschinengeräuschen, wodurch er eine wahrhaft bedrohliche Klangcollage erzeugte. Johnny Marrs Klavierspiel, Andy Rourkes Bass, ein paar seltsame Akkorde, einige umgedrehte Noten und Stephen Streets Klangcollage machten den Song zu dem, was Andy Rourke später als „hypnotisch“ bezeichnete. Oder wie Stephen Street mit einem Augenzwinkern beteuerte: Nachdem der Song im Kasten gewesen sei, habe die Band erst einmal lernen müssen, wie man diesen Sound live auf die Bühne bringt.

Bemerkenswertes Plattencover

Bleibt noch anzumerken, dass das Albumcover einen US-amerikanischen Soldaten in Vietnam zeigt. Auf seinem Helm befand sich ursprünglich der Schriftzug „Make Love Not War“. Für das Albumcover wurde der verändert zum Namen des Albums und des gleichnamigen Titeltracks: „Meat Is Murder“. The Smiths.

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