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Eagles – Take It Easy

Hellhörige Wohnungen können unendlich nervig sein: Da hört man den Nachbarn, wie er einen Stecker in die Wand steckt; hört, wie er sich unterhält. Und selbst das Rollen des Würfels bei Mensch-ärgere-dich-nicht ist dank dünner Wände auch in der Nachbarwohnung gut und deutlich zu hören. Oder falls der Nachbar ein Instrument spielt… Eine nervige Sache, wie gesagt.

Erstling 1971

Allerdings gilt das nicht immer. Zumindest ein Fall ist überliefert, in dem hellhörige Wände ein ausgesprochener Glücksfall sein können. Dieser eine ominöse Glücksfall datiert auf das Jahr 1971. In dieser Zeit versuchte sich nämlich ein junger Mann damit, einen eigenen Song auf die Beine zu stellen. Das Ziel war ambitioniert. Denn der Song sollte natürlich auch auf das erste Album des jungen Musikers. Ziemlich weit war er schon mit seinem Song. Aber mit dem Ende wollte und wollte es nicht klappen. Also spielte er wieder und immer wieder den Song, in der Hoffnung, irgendwann würde ihn die Muse schon küssen. Und wenn nicht das, dann würde ihn ein Geistesblitz treffen. Traf ihn aber nicht.

Nachbar hört mit

An dieser Stelle kommen die hellhörigen Wände ins Spiel. Denn wie der junge Mann im Erdgeschoss sich mühte und mühte, bekam auch sein Nachbar im Stockwerk darüber hautnah mit. Der hatte weitaus weniger Mühe, den fehlenden Text zu finden. Und so schlug er dem Hausbewohner im Erdgeschoss vor, es doch mit seiner Textzeile zu versuchen.

„It’s a girl, my Lord, in a flatbed Ford, slowing down to take a look at me.“

Jackson Browne + Glenn Frey = Take It Easy

Diese Zeile war ein Volltreffer. Und so überließ Jackson Browne, der Mann im Erdgeschoss, dem Bewohner der 1. Etage, Glenn Frey von den Eagles, einen Teil der Autorenrechte ausgerechnet an dem Song, der einer der größten Hits der Eagles wurde: „Take It Easy“. Der Song spiegelt das Lebensgefühl der 1970er Jahre wider:

„Nun, ich renne die Straße hinunter und versuche, meine Last zu lösen:
Ich habe sieben Frauen in meinem Kopf.
Vier die mich besitzen wollen, zwei die mich steinigen wollen.
Eine sagt, sie ist eine Freundin von mir.
Nun, ich stehe an einer Ecke in Winslow, Arizona
Was für ein schöner Anblick:
ein Mädchen, mein Gott, in einem Ford Pritschenwagen,
wird extra langsamer, um mich anzusehen.“

Lebensgefühl der 1970er

Einerseits unbeschwert, wie es die sexuelle Revolution suggeriert,


andererseits nicht ganz unproblematisch, wie die Reaktion der Frauen im Song deutlich zeigt: vier, die nicht mehr loslassen wollen, zwei, die so wütend sind, eine unter vielen zu sein, dass sie alle möglichen Rachegedanken entwickeln. Wohl alles andere als eine reale Szene, sondern eher eine Karikatur der angeblich unendlichen Freiheit jener Zeit. Ganz so frei war man also nicht. Und die meisten Beziehungen waren alles andere als beliebig und unverbindlich.
Reale Hintergrund 1: Winslow, Arizona

Weitaus realer übrigens zwei andere Inhalte des Songs: Tatsächlich hatte Jackson Browne einmal in Winslow, Arizonam eine Autopanne, die ihn einen ganzen Tag an diesem Ort festhielt. Als Dank, dass er in seinem Song die Stadt verewigte, steht dort seit 1999 eine lebensgroße Bronzestatue eines Mannes mit einer Gitarre in einer Hand. Den Park, in dem die Bronzestatue steht, benannten die Stadtväter sinnigerweise mit „Standing On The Corner Parc“, was sie auch noch auf einem Metallschild über dem Kopf der Figur verewigten.

Realer Hintergrund 2: Frau im Pickup

Etwas verschwommen ist auf einem Wandbild hinter der Statue die Ladefront eines roten Ford Pickups zu erkennen – ein Fahrzeug, das von einer blonden Frau gesteuert wird. Jackson Browne selbst erklärte einmal, in Wirklichkeit sei einmal eine Frau in einem Toyota-Pickup an ihm vorbeigefahren, habe leicht gebremst und interessiert zu ihm herübergeschaut. Passiert sei ihm dies aber in Flagstaff, Arizona. Glenn Frey habe beim Bearbeiten des Songtextes einfach zwei unterschiedliche Erlebnisse Brownes an einen Ort zusammengeführt. Dass sich die Stadtväter von Winslow lieber für den Songtext als für die Realität entschieden, ist verständlich. Immerhin sind Statue und Park seit mehr als 20 Jahren ein Anziehungsort für Touristen, die ansonsten vielleicht nie nach Winslow gekommen wären. Und ganz so eng denken sollte man künstlerische Freiheit ja nun auch wieder nicht.

Take It Easy – Nimm’s leicht

Was bleibt, ist die eigentliche Botschaft des Songs: Lass dich nicht verrückt machen von dem, was von außen auf dich einprasselt.

„Nimm es leicht,
Lass dich nicht vom Klang deiner eigenen Räder verrückt machen.
Entspann dich, solange du noch kannst.
Versuche nicht einmal zu verstehen.
Finde einfach einen Platz, wo du dich aufstellen kannst.
Und nimm’s leicht!“

Je mehr Halt, desto leichter

„Take it easy“ ist längst zu einem geflügelten Wort geworden. Dahinter steckt das Bewusstsein: Wer Sinn in seinem Leben gefunden hat, lebt leichter. Wer zu sich selbst gefunden hat und jemanden hat, auf den er felsenfest vertrauen kann, kommt mit seinen Problemen besser klar als jemand ohne diesen Halt. Ein Bewusstsein, dass man vielfach bei religiösen Menschen findet: Wer an Gott glaubt, wird von ihm getragen. Und kann vieles im Leben leichter nehmen als andere. Take It Easy! Die Eagles.

NACHTRAG:

Wie bereits angesprochen übertrug Jackson Browne einen Teil der Autorenrechte an Glenn Frey, der „Take It Easy“ mit den Eagles zu einem Hit machte. Jackson Browne nahm den Song dann aber doch noch selbst auf, machte ihn zum Lead-Track seines zweiten Albums „For Everyman“ und veröffentlichte ihn auch als Single. Im Gegensatz zum Nachbarn aus der ersten Etage schaffte es Brownes Version allerdings nicht in die Charts.

Der bei Classic Rock Radio gesendete Beitrag ist eine Kurzfassung dieses Textes.

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