Rexha, Bebe & Faithless – New Religion
Moment mal, das ist doch… Richtig: Für ihre Single „New Religion“ hat Bebe Rexha Anleihen bei Faithless gemacht. „Insomnia“ hieß das 1995 veröffentlichte Stück, dessen legendäre Synth-Melodie bis heute für einen hohen Wiedererkennungswert steht. Dazu kommt die treibende Bassline, die – wenn auch ein wenig modernisiert – ebenfalls aus dem Faithless-Song stammt.
Zwei Generationen
Auch wenn die verbliebenen Faithless-Mitglieder Sister Bliss und Rollo – Sänger Maxi Jazz ist an Heiligabend 2022 verstorben – rein rechnerisch die Eltern von Bebe Rexha sein könnten, veröffentlichten die drei bereits im letzten Jahr mit „Dollars And Dimes“ eine gemeinsame Single. Die diente quasi als zweiter Appetitmacher auf das Faithless-Album „Champion Sound“. Weil die Zusammenarbeit eine Menge Spaß machte, kam es zu einer Fortsetzung für „New Religion“.
Bekannte Melodie, neuer Song
Abgesehen von dem Part mit der bekannten Melodie ist „New Religion“ ein neuer Song. Das gilt auch für den Text:
„Tief in der Nacht hörte ich einen Schrei,
der mich wieder zum Leben erweckte.
Er sang mir eine Melodie vor,
und ich war wie hypnotisiert.
Mit jeder Note zog er mich näher heran,
bis ich den Himmel küsste.
In der Kirche fand ich meine Bestimmung.“
Religion ja, aber neu gedacht
Himmel? Kirche? Zwar deuten diese Begriffe auf traditionelle Religionen hin. Aber, wie schon der Songtitel deutlich macht, handelt es sich im Song um eine neue Religion. Und so verwandeln sich die bunten Kirchenfenster in elektrisches Neonlicht; die Auferweckung vollzieht sich nicht durch göttliche Kraft, sondern durch Musik; und auch der Trance-Zustand, der in vielen biblischen Stellen bei der Begegnung mit Gott erwähnt wird, entsteht durch das Tanzen. Deshalb ist die Kirche auch kein Ort der Begegnung mit Gott, sondern schlichtweg ein Club.
Suche nach Erlösung in einer problematischen Phase
Sie habe den Song in einer für sie schwierigen Phase geschrieben, erläutert Bebe Rexha. Musik sei das Einzige gewesen, was ihr in dieser schwierigen Situation Halt gegeben habe; auf der Tanzfläche habe sie Zuflucht gefunden. Und sogar Erlösung. Im Song hört sich das so an:
„Ich habe die Musik gefunden, meine neue Religion.
Ich will noch nicht gehen,
ich glaube, ich habe einen tieferen Sinn gefunden.
Ich bin in Bewegung, ich bin in Stimmung.
Nichts kann dieses Gefühl trüben.
Verloren im Klang. Er ist überall.
Ich spüre, wie mein Körper heilt!“
Manch ein christlicher Hardcore-Theologe dürfte sich mit Grausen abwenden. Aber man kann „New Religion“ auch durchaus positiv sehen:
Der Club als Heilsraum
Der Song zeigt einen Menschen, der sich in einer schweren existentiellen Krise befindet, vielleicht sogar leer und entwurzelt ist. Im Club, in der temporären Gemeinschaft mit anderen auf der Tanzfläche findet dieser Mensch ein Medium, nämlich die Musik, durch das er das Irdische hinter sich lassen kann. Im weitesten Sinne gelangt er durch den Tanz in einen transzendenten Zustand, sieht sein Bedürfnis nach Spiritualität befriedigt. Denn er fühlt sich quasi in himmlische Sphären entrückt, um einmal die Terminologie ekstatischer alttestamentlicher Propheten aufzunehmen. In dieser Situation vollzieht sich eine Art Heilung: Verletzungen schmerzen nicht mehr; sie spielen keine Rolle mehr. Konsequent zu Ende gedacht wird also der Club tatsächlich zu einem Heilsraum.
Kritische Nachfrage: Erlösung als Konsumgut?
Fromme Menschen dürften skeptisch sein bei der Vorstellung, dass der Konsum von Musik an die Stelle des Gebets tritt und dass Erlösung im Club quasi zu einem Konsumgut wird, über das jeder Besucher selbst verfügt. Fraglich ist auch, ob die Gratwanderung zwischen Erlösung und Exzess durchgehalten werden kann und ob diese „neue Religion“ wirklich nachhaltigen Trost spendet – oder ob sie nur eine flüchtige Erlösung bietet, die immer wiederholt werden muss und damit Suchtpotential entfaltet.
Antwort auf eine echte Sehnsucht
Klar ist aber auch: Wann immer Menschen ihre spirituellen Bedürfnisse in traditionellen Strukturen nicht mehr befriedigt sehen, suchen sie nach anderen Lösungen. Insofern wäre es wenig sinnvoll, ihre eigenen Lösungswege abzulehnen oder gar zu verurteilen. Denn „New Religion“ ist vor allem Ausdruck einer massiven Sehnsucht nach Spiritualität – auch wenn die sich anders vollzieht als in den traditionellen religiösen Strukturen der Kirchen. Für die Kirchen könnte dies bedeuten, die eigenen spirituellen Angebote in eine Form zu gießen, die auf Fragen suchender Menschen von heute Antworten gibt, ohne die Inhalte kirchlicher Angebote zu verbiegen. Denn aufrichtige Sehnsucht verdient mehr als Skepsis – sie verdient eine Antwort.
Bebe Rexha & Faithless – „New Religion“
→ Hier geht’s zum Song (Amazon)
Der bei Radio Salü gesendete Beitrag ist eine Kurzfassung dieses Textes.
Weitere Beiträge der HitStory bei Radio Salü: hier.
HeavenOnAir verweist auf eigene Inhalte, bietet weiterführende Links und nutzt Affiliate-Links zu Amazon. Mit diesen Links kann HeavenOnAir eine kleine Provision für qualifizierte Käufe verdienen, was zur Unterstützung der Seite beiträgt, ohne dass für Sie zusätzliche Kosten entstehen.
Kommentare
Hinterlassen Sie ein Kommentar