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Aris, Tiffany – Vertigo

Mit „Vertigo“ ruft Aris Tiffany fast vergessene Erinnerungen wach: Wer beim Opa, möglicherweise auch beim Papa im Plattenschrank kramt, kann mit etwas Glück etwas ganz Besonderes entdecken: Schallplatten mit dem sogenannten Vertigo Swirl, aufgedruckt auf dem Papier-Einleger rund um das Mittelloch der Schallplatte.

Schwindelerregend

Zu sehen sind zwei ineinander verschlungene Spiralen, die fließend ineinander übergehen. Sobald sich die Platte auf dem Plattenteller dreht, entsteht daraus ein hypnotischer, optischer Strudel, ein schnell rotierender Wirbel. Starrt man darauf, entsteht der Eindruck, als würde sich die Oberfläche unaufhörlich in die Tiefe schrauben. Dieser Wirbel scheint den Betrachter durch die unendlich rotierende Spirale in nicht erkennbare Tiefen hineinziehen. Für den, der zu lange auf dieses Label starrt, kann ein Gefühl von Schwindel entstehen.

Label für Progressive Rock

Dass dieser „Vertigo Swirl“ bestens zum Namen des Plattenlabels (vertigo = Schwindel) passt, steht außer Frage. Auch die seinerzeit auf dem Label veröffentlichte Musik erschien manch einem Zeitgenossen schwindelerregend: Denn Vertigo war die Heimat des in seiner Blütezeit stehenden Progressive Rock. Und so veröffentlichte das Label Alben von Juicy Lucy, Colosseum, Manfred Mann Chapter Three, Rod Stewart, aber auch Black Sabbath, Uriah Heep, Magna Charta und sogar Kraftwerk, deren ersten beiden Alben 1973 als Doppel-LP (auch) bei Vertigo erschienen – letzte Pressungen noch mit dem Swirl, spätere bereits mit dem Spaceship.

Ab 1973: Spaceship Vertigo

Zugegeben: Nicht auf allen Platten war das gesamte Mitteletikett mit dem Vertigo Swirl überzogen. Aber immerhin nutzte das Label von 1969 bis 1973 für 89 Longplayer den Swirl. Der wurde ab 1973 durch das „Spaceship Vertigo“ abgelöst – zwei blaugrüne Raumschiffe schweben vor einem blassgelben bis hellgrünen Himmel über einer tiefblauen Wasserfläche. In zumeist weißer oder silberner Schrift stehen auf diesem dunklen Blau die Namen der Interpreten sowie die Songtitel. Am unteren Rand des Kreises befindet sich eine kleine Version des alten Swirls, wenn auch stilisiert und deutlich moderner. Die aufwändigen Covergestaltungen, vor allem aber die geringe Auflagenhöhe der meisten Veröffentlichungen der Frühzeit sorgen dafür, dass diese heute auf Sammlerbörsen stattliche Preise erzielen. Das Kramen im Plattenschrank von Opa oder Papa könnte also lohnend sein…

Tiffany Aris: rund 40 Millionen Streams

Ob die 1998 in Hamburg geborene Sängerin Tiffany Aris jemals vom Vertigo-Swirl gehört hat, ist unbekannt. Bekannt aber ist, dass sie heute in Berlin lebt, mit Alle Farben, Steve Aoki, Kelvin Jones und Tokio Hotel zusammengearbeitet hat und mittlerweile als durchaus gefragte Songwriterin gilt. Was bei annähernd 40 Millionen Streams auf den gängigen Streamingplattformen nun nicht weiter verwunderlich ist. Dass ihr Song „Still Here“ 2024 im offiziellen Trailer für das Online-Game „League of Legends“ Verwendung fand, dürfte Tiffanys Bekanntheitsgrad auch nicht gerade abträglich gewesen sein.

Tiffany Aris Song „Vertigo“

Tiffanys Songs scheinen oft einen sehr persönlichen Bezug zu haben, vor allem wenn es in ihnen um die Themen mentale Gesundheit, Selbstzweifel und ADHS geht. Das gilt auch für „Vertigo“. Tiffany singt:

„Ich habe ein Leben geführt, in dem die Sonne untergegangen war.
So viele Tage lang, dass ich sie gar nicht mehr zählen kann.
Ich zähle an meinen Fingern ab, wer mir noch zur Seite steht.
Ich bin in meinen Gedanken versunken.
Mir ist schwindelig ohne dich!
Was würde ich ohne dich tun?“

Alles gerät ins Wanken

In Tiffanys Song steht der Schwindel als Sinnbild für den Verlust der Orientierung und einen Zustand der tiefen inneren Verwirrung. Der Boden unter den Füßen scheint buchstäblich ins Wanken geraten zu sein; so entsteht das Gefühl, sich in einer problematischen Welt nicht mehr kontrolliert und sicher bewegen zu können. Diese Instabilität wirkt bedrohlich.

Suche nach Halt

Zum Glück aber gibt es eine Bezugsperson, die Halt, Orientierung und damit auch Sicherheit gibt. Jemand, an dem man sich festkrallen kann, wenn sich alles um einen herum im Kreis zu drehen scheint. Im Song hört sich das so an:

„Wenn ich falle wie Regen oder in Flammen stecke,
ziehst du mich heraus.
Du hebst mich immer hoch. Du bist mein Katapult,
Du leuchtest immer dein Licht, so dass ich weiß, wohin ich gehen muss.
Ich weiß, du stehst hinter mir und ich stehe hinter dir.“

Rettermotiv

In vielen Religionen stehen Flammen als Symbol für Orte der Vernichtung und des Untergangs. Im Song sind mit ihnen zumindest problematische Situationen gemeint, die es zu meistern, zu bestehen gilt. In „Vertigo“ gelingt das nicht allein. Stattdessen ist Hilfe von einer anderen Person nötig. Dieses Rettermotiv erinnert stark an religiöse Vorstellungen, nach denen eine höhere Macht Menschen aus verzweifelten Situation befreit und vor dem Untergang bewahrt.

Rettung durch höhere Macht?

Im Song leuchtet diese helfende Person und zeigt damit den Ausweg aus der verfahrenen Situation – wiederum eine Passage, die sich religiös deuten lässt. Denn in nahezu allen Religionen steht das Licht als Metapher für Wahrheit, Heiligkeit, für Gott oder Erleuchtung durch Gott.

Bei dem bedankt sich Tiffany ausdrücklich:

„Gott sei Dank kann ich dich meinen Freund nennen.“

Von Gott gesandt

Ein kurzer Ausspruch der Dankbarkeit, ein Stoßgebet, durch das der Song die menschliche Freundschaft ausdrücklich mit Gott verknüpft. Dadurch wird die Existenz der helfenden Person als Segen interpretiert, als etwas, das von Gott geschenkt wird, um in schwierigen Zeiten das Durchhalten zu ermöglichen.

Helfende Hand gegen Schwindel und Sinnlosigkeit

Spirituell besehen wird die geliebte Person zu einer irdischen Inkarnation des Heils. Psychologisch betrachtet entsteht wahre Stabilität nicht ausschließlich aus dem eigenen Inneren, sondern durch eine tiefe Verbindung zu einem anderen Wesen, das dabei hilft, das Chaos der Welt auszuhalten und zu eigener inneren Ruhe zu gelangen, also psychisch, aber auch spirituell stabil zu bleiben. So vermittelt „Vertigo“ die Erkenntnis, dass man ohne eine helfende oder gar rettende Hand – sei es ein Freund, ein Partner oder eine höhere Macht – schnell den Halt verlieren und in den Schwindel der Sinnlosigkeit abstürzen kann.

Tiffany Aris – „Vertigo“

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Der bei Radio Salü gesendete Beitrag ist eine Kurzfassung dieses Textes.

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