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Sarandy, Chris de – Good Old Days

Weltweit stürzen die Computer ab, überall crashen Flugzeuge, überall gehen schlagartig die Lichter aus – und das nicht nur im wortwörtlichen Sinn, sondern auch im übertragenen. Rien ne va plus – nichts geht mehr. Das waren die Ängste, die zum Jahreswechsel 1999 zu 2000 einen großen Teil der westlichen Welt in Angst und Schrecken versetzten.

Good Old Days

Ängste, an die Chris de Sarandy erinnert. Und das ausgerechnet in einem Song, den der britische Singer-Songwriter mit „gute alte Zeiten“ betitelt. In „Good Old Days“ singt er:

„In der Nacht erwachen wir zum Leben,
schwimmen hinaus ins Blau.
Wir müssen uns in einem früheren Leben geküsst haben.
Denn du schmeckst wie ein Déjà-vu.
Wir reden nicht über die Zukunft,
denn das Jetzt steht dir wirklich gut.
Wir müssen nicht in Erinnerungen schwelgen
an all den Mist, den wir seit 1999 verpasst haben.“

Ängste seit Nostradamus = 16. Jahrhundert

Nun ist das mit der Jahreszahl 1999 so eine Sache. Schon im frühen 16. Jahrhundert prophezeite der Astrologe und Seher Nostradamus für das Jahr 1999 eine Art Weltuntergang. Es käme ein großer Schreckenskönig vom Himmel, so der Weise über den Monat Juli – eine Aussage, die auch knapp 500 Jahre später tatsächlich Weltuntergangsstimmung verbreitete. Allerdings passierte im Juli 1999… fast nichts. Lediglich im August desselben Jahres zeigte sich in einem etwa 100 Kilometer breiten Streifen von Südengland über Teile Deutschlands bis hin nach Indien eine totale Sonnenfinsternis. Wer sich außerhalb dieses Streifens befand, musste sich die beeindruckenden Bilder in den Nachrichten anschauen. Dasselbe Schicksal trifft auch diejenigen, die sich in rund drei Wochen, also im August 2026, nicht gerade auf Grönland, Island oder in Spanien befinden.

Saroszuklus

Heute wissen wir, was wohl auch schon vor 500 Jahren Nostradamus wusste, vielleicht sogar berechnen konnte: Es handelt sich um ein wiederkehrendes Ereignis, das dem sogenannten Saroszyklus folgt. Und da unser Globus bekanntermaßen nicht ganz gleichmäßig kreist, sondern ein wenig durch das Weltall eiert, wird sich in unserem Land das Schauspiel der totalen Sonnenfinsternis erst im September 2081 wiederholen. Heute schon die Bitte: nicht wie in 1999 einfach auf den Autobahnen stehenbleiben und (natürlich mit zum Schutz der Augen rechtzeitig erworbenen speziellen Sonnenfinsternisbrillen) in den Himmel starren… Aber bis 2081 ist es ja noch ein bisschen hin.

Nostradamus sehr unklarr

Fraglich bleibt, ob Nostradamus tatsächlich auf die Sonnenfinsternis verweisen wollte. Denn der Seher schrieb in einer eigentümlichen Mixtur aus Latein, frühem Neufranzösisch, Griechisch und Provenzalisch, verwendete jede Menge Wortspiele und nutzte mit Vorliebe eine äußerst bildhafte Sprache – alles schwer zu entschlüsseln. Weil er zudem in seinen Versen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bunt durcheinander würfelte, lassen sich die Weissagungen von Nostradamus kaum auf konkrete Ereignisse beziehen.

Im Nachhinein passt immer etwas

Es sei denn, man sucht nach dem Eintreten eines konkreten Ereignisses, also nachträglich, in den Texten des Sehers. Dann findet sich garantiert eine Prophezeiung, die zum gerade Eingetretenen passt – egal ob es sich dabei um gigantische Epidemien wie die Pest im Mittelalter oder Corona in unmittelbarer Vergangenheit handelt, um den Aufstieg Hitlers oder den Anschlag auf das World Trade Center 2001. Um es aber auch zu sagen: Hätte der Seher all das, was man heute in seinen lediglich 100 Vierzeilern zu finden meint, tatsächlich im Blick gehabt, dann wären das bei manchen Versen vermutlich Hunderte von verschiedenen Ereignissen gewesen. Den eingefleischten Nostradamus-Fans macht das nichts. Manch einer geht sogar noch einen Schritt weiter: Wenn nämlich tatsächlich einmal zu einem Ereignis passende Vorhersagen fehlen, sind ein paar neue Zeilen schnell geschrieben. Wer macht sich schon die Mühe, das zu überprüfen?

Nostradamus bei Prince

Der ausführliche Exkurs ins frühe 16. Jahrhundert wäre unnötig, wenn die Prophezeiungen des Nostradamus bis in unsere Gegenwart nachwirken würden, auch in der Musik: Im Januar 1982 ging Prince ins Studio und begann die Aufnahmen zu seinem fünften Studioalbum. Programmatischer Titel: „1999“. Rund einen Monat vor dem Album veröffentlichte Prince im September 1982 eine gekürzte Singleversion des Titelsongs „1999“ – ein Song voller Angst vor einer drohenden nuklearen Katastrophe: Die Zeit läuft ab, es drohen Bomben und Zerstörung. Oder um es platt zu sagen: Die Welt geht unter! Inspiriert wurde Prince durch eine TV-Dokumentation über – na, Sie ahnen es schon – Nostradamus, natürlich einschließlich seiner Schreckensprophezeiung für das Jahr 1999. Die Antwort des Musikers aus Paisley Park: Wenn wir schon sterben werden, dann bitte tanzend. Trotz allem, was uns bevorzustehen scheint, lassen wir uns von der Angst davor nicht lähmen. Eine Lebenshaltung, die die alten Griechen als Hedonismus bezeichneten.

Weitere Jahrtausendwechsel-Songs

(Nur um dem Affen ein wenig Zucker zu geben: The Time veröffentlichten im Januar 1990 ihr vielsagendes „Party Like It’s 1999“, Charli XCX in Zusammenarbeit mit Troye Sivan einen schlicht „1999“ betitelten Song. French-House-Artist Cassius spricht 1998 mit seinem „1999“ die Club-Euphorie vor dem Milleniumswechsel an, während der Rapper Common in seinem „1999“ durch den Jahrtausendwechsel optimisch auf einen Wendepunkt in der Kultur hofft.)

Sarandy: Zukunfsängste = Zeitverschwendung

Von all dem dürfte Chris de Sarandy nichts mitbekommen haben. Denn der Mann aus dem Südwesten Englands, der mittlerweile in Berlin lebt, ist Jahrgang 1998. An die apokalyptischen Ängste des Jahres 1999 hat er sicherlich keine eigene Erinnerung. Umso leichter fällt es ihm, sie als unnötig vom Tisch zu wischen: 1999 zitterte die Welt vor einer Zukunft, die in der befürchteten Form nie eintraf. Reine Verschwendung von Zeit. Und vor allem von Lebensglück. Angst als Begleiter ist nämlich so etwas wie der natürliche Feind von Glück.

Vorlage Bergpredigt

Eine Haltung, die sich bereits in der sogenannten Bergpredigt in der Bibel findet. Da heißt es:

„Sorgt euch also nicht um morgen;
denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen.
Jeder Tag hat genug an seiner eigenen Plage“.
(Mt 6,34)

Diese Aufforderung Jesu ist nicht etwa eine Absage an jegliche Planung. Aber es ist die Aufforderung, sich nicht von hypothetischen Sorgen, von individuellen wie auch globalen Zukunftsängsten Lebenskraft und Lebensfreude nehmen zu lassen. Sondern stattdessen darauf zu vertrauen, dass am Ende alles gut wird.

Leben im Hier und Jetzt

Ähnlich empfiehlt Chris de Sarandy: Weder in der Vergangenheit festzuhängen, noch vor einer Zukunft zu zittern, die wahrscheinlich sowieso anders kommt als angenommen. Besser ist es, so gut wie möglich im Hier und Jetzt zu leben und die aktuellen Erlebnisse und Erfahrungen positiv anzunehmen, vielleicht sogar als die besten Tage seines Lebens. Dann vielleicht wird man ja eines Tages über unsere Gegenwart als „gute alte Zeit“ sprechen. Schließlich kommt es auf jeden einzelnen an, was er mit und in seinem Leben macht.

Auf Y2K-Bug folgt Y2K38-Bug!

Nachtrag:
Dass der gefürchtete „Y2K-Bug“ weltweit zu massiven Ausfällen der kritischen Infrastruktur führen könnte, entpuppte sich letztlich als Sturm im Wasserglas: Da die Problematik rechtzeitig erkannt wurde, konnten Systeme überprüft und Codes aktualisiert werden, so dass letztlich bis auf einige wenige kleinere Probleme (z.B. bei einer bestimmte Sorte von Spielautomaten) zu keinen Störungen kam. Kosten: irgendwo zwischen 300 und 600 Millionen US-Dollar.
Ähnlich ruhig wird es vermutlich auch am 19. Januar 2038 zugehen: Dass der „Y2K38-Bug“ bis dahin nämlich für zumindest ähnliche Herausforderungen sorgen wird, ist bekannt. Und in Arbeit. Selbst wenn sich also auch für diesen Tag mit ein wenig Geschick Weltuntergangsprophezeiungen beim alten Nostradamus finden lassen, gilt am Ende: Die Wahrnehmungen des alten Sehers sind sicherlich spannend und zeugen von der Geisteshaltung seiner Zeit. Aber sie lassen viel Interpretationsspielraum und sind deshalb wenig hilfreich bei der Bewältigung der Herausforderungen unserer heutigen Zeit. Gelingt es, diese Herausforderungen tatsächlich zu bewältigen, wird Chris de Sarandy wahrscheinlich Recht behalten: Dann wird man von unserer Gegenwart irgendwann in der Rückschau als „gute alte Zeiten“ sprechen

Chris de Sarandy – „Good Old Days“

Der bei Radio Salü gesendete Beitrag ist eine Kurzfassung dieses Textes.

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