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Hendrix, Jimi – James, Maurice

Ob manch ein Künstler unter seinem Geburtsnamen ähnlich bekannt geworden wäre wie unter seinem Pseudonym? Wer weiß. Beispiel: Hendrix, Jimi aka James, Maurice

Um es gleich vorweg zu sagen: Auch Maurice James ist ein Pseudonym, das Jimi Hendrix eine Zeitlang verwendete. Geboren wird Jimi am 27. November 1942 in Seattle (US-Bundesstaat Washington) als Sohn von James „Al“ Allen Hendrix, einem Gärtner, und seiner Ehefrau Lucille,

geborene Jeter (auch Jetter). Während der Geburt des Sohnes ist der Vater als Soldat im Zweiten Weltkrieg im Einsatz. Folglich ist es die Mutter, die den Sohn ins Geburtsregister eintragen lässt, und zwar unter dem Namen „John Allen Hendrix“. Als der Vater aus dem Krieg zurückkommt, veranlasst er eine Namensänderung des Sohnes in „James Marshall Hendrix“. Der gibt sich selbst den Spitznamen „Jimmy“, den er – abgewandelt zu Jimi – später als Künstlernamen trägt.
Am 13. Januar 1948 wird der zweite Sohn Leon Morris Hendrix geboren. (Leon, zwischenzeitlich drogenabhängig und mehrfach wegen geringfügiger Delikte inhaftiert, arbeitet lange für den Boeing-Konzern, wird erst sehr spät ebenfalls Rockgitarrist und Sänger und veröffentlicht mit der nach ihm benannten „Leon Hendrix Band“ zwei CDs und 2012 die Biographie über seinen Bruder „Jimi Hendrix: A Brother’s Story“.)
Ebenfalls im Jahr 1948 wird Sohn Joseph „Joey“ geboren. Al erkennt allerdings diese Vaterschaft nicht an.

Die Familienverhältnisse, unter denen Jimi aufwächst, sind mehr als schwierig: Nach dem Ausscheiden aus der Armee ist der Vater weitgehend arbeitslos; die Mutter gilt als eigensinnig; beide sind streitsüchtig und Alkoholiker. In der Ehe kommt es vielfach zu häuslicher Gewalt. Die finanzielle Situation ist so problematisch, dass die Familie mehrfach ihr Zuhause verliert und umziehen muss. Schließlich werden die Eltern 1951 geschieden. Mutter Lucille heiratet erneut, stirbt 1958 mit knapp 33 Jahren an einer Leberzirrhose.
1966 heiratet auch Al noch einmal und adoptiert 1968 Janie, die jüngste Tochter seiner zweiten Frau.

Nach der Scheidung der Eltern lebt Jimi bei seinem Vater. Soweit der

einer Arbeit nachgeht, befindet sich Klein-Jimi in der Obhut von Verwandten und Nachbarn. Schon als Dreijähriger gilt er als zurückgezogen und – in heutigem Sprachgebrauch – als introvertiert, erschafft sich seine eigene Welt, in die er sich zurückzieht.
Mit vier Jahren bekommt Jimi eine Mundharmonika, 1957 findet er im Müll eine Ukulele, die nur noch eine Saite hat. Weil er darauf wie besessen versucht, Songs von Elvis Presley nachzuspielen, kauft Al ihm endlich die lang ersehnte (gebrauchte akustische) Gitarre. Leon, Jimis Bruder, berichtet später, dass Jimi an die akustische Gitarre einen Tonabnehmer angeklebt und zum Missfallen seines Vaters über die Stereoanlage im Wohnzimmer gespielt habe. Die dabei entstehenden Rückkopplungen hätten Jimi schon damals begeistert und zum Experimentieren angeregt. Erst später lässt sich Al erweichen und kauft Jimi eine elektrische Gitarre.

Doch Jimi hat ein Problem: Er ist Linkshänder, muss das Gitarrenspiel aber auf der für einen Rechtshänder gemachten Gitarre erlernen. Kurzerhand zieht der die Saiten „verkehrt herum“ auf. Die nun beim Spielen benötigte Technik dürfte neben den bereits gesammelten Erfahrungen ein wesentlicher Baustein im so unkonventionellen Gitarrenspiel des Musikers sein.

Bevor sich Jimi voll und ganz der Musik zuwenden kann, muss er zuerst einmal wegen schlechter Noten 1959 die High School verlassen. Nach einem Autodiebstahl drohen ihm zwei Jahre Gefängnis. Alternativ hat er die Möglichkeit, der Army beizutreten. Letztlich kommt er zu einer Luftlandedivision nach Kalifornien, wo er begeisterter Fallschirmspringer wird. Hier scheint er eine besondere Freiheit zu verspüren, die er später in seinen vielfältigen musikalischen Improvisationen zum Ausdruck zu bringen versucht. Allerdings tut sich Jimi mit dem System von Befehl und Gehorsam schwer und wird nach 13 Monaten vorzeitig aus der Army entlassen.

Nach Beendigung seines Militärdienstes im Jahr 1962 geht Jimi nach Nashville, wo er als Gitarrist schnell gefragt ist. 1964 gewinnt er einen Wettbewerb des Apollo Theaters in Harlem. Obwohl Hendrix am liebsten improvisiert und sich in der Routine eines Bandgitarristen langweilt, übernimmt er solche Jobs, um mit seinem Gitarrenspiel seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. So stößt er 1964 zur Begleitband der Isley Brothers. Von nun an nennt er sich bis 1966 Maurice James. Gegen Ende des Jahres ist es Hendrix leid, immer wieder dasselbe Set zu spielen und verlässt die Isleys. 1965 – gelegentlich wird auch 1963 berichtet – arbeitet er für Little Richard, der ein Comeback versucht. Über die Gründe, warum diese Episode schnell wieder beendet ist, gibt es unterschiedliche Aussagen: Einerseits heißt es, Hendrix habe sich immer wieder verspätet sei entlassen worden, andererseits soll die Bezahlung über mehrere Wochen ausgeblieben sein.
Kurzzeitig arbeitet Jimi auch als Begleitmusiker für King Curtis, The Supremes, Ike & Tina Turner sowie Jackie Wilson.

Der Gitarrist Richie Havens (Woodstock!) rät Jimi, nach Greenwich Village (US-Bundesstaat New York) zu gehen. Dort hat er ab Ende 1965 im „Cafe Wha?“ erste Auftritte, bei denen er sich von der dortigen Hausband begleiten lässt. Schnell gründet Jimi eine eigene Band: Jimmy James & The Blue Flames. Hendrix hat Spaß an der Alliteration und wird zu Jimmy James. Zur Band gehören Schlagzeuger Dan Casey, Gitarrist Randy Palmer und Randy Wolfe. Vielleicht aus Spaß, vielleicht auch weil bei zwei Randys die Ansprachen kompliziert sind, nennt Hendrix die Gitarristen nach ihren Heimatstaaten. Aus Randy Palmer wird auf diese Weise „Texas“, aus Randy Wolfe wird „California“. Wolfe gründet später die Band Spirit und behält zeitlebens seinen Künstlernamen Randy California bei.
Kuriosität am Rande: Da Hendrix in der Band als „Jimmy James“ gilt, weiß Randy California Jahre später noch nicht, dass er mit d e m Jimi Hendrix zusammengespielt hat. Das wird ihm erst klar, als man ihm in einer Radiosendung das Cover von „Are You Experienced“ zeigt…
Eine weitere Kuriosität: 1966 spielt Jimi angeblich kurzzeitig bei der Twist-Band Joey Dee And The Starlighters. Aufnahmen von diesem Engagement gibt es nicht.

Im „Cafe Wha?“ erspielen sich Jimmy James & The Blue Flames schnell eine eigene Fanbase. Zum Repertoire gehören neben eigenen Kompositionen sehr eigenständige Coverversionen bekannter Songs, darunter „Wild Things“ von den Troggs, der Folksong „Hey Joe“, „House Of The Rising Sun“ der Animals und Bob Dylans „Like A Rolling Stone“. Die Band, die phasenweise fünf Sets pro Nacht an sechs Tagen die Woche spielt, wird immer bekannter, so dass eine Reihe renommierter Musiker und Manager ins „Cafe Wha?“ kommen, darunter auch Bassist Chas Chandler, der soeben bei den Animals ausgeschieden ist. Als der die Band ihre Fassung von „Hey Joe“ spielen hört, macht er Hendrix das Angebot, ihn nach England zu begleiten. Mit Hendrix als Musiker will Chandler seine Karriere als Produzent beginnen. Da Randy California zu diesem Zeitpunkt noch minderjährig ist, kann er als Musiker nicht nach England reisen. Nach nur rund sechs Monaten sind Jimmy James & The Blue Flames schon wieder Geschichte. Denn Hendrix reist am 24. September 1966 mit einem 7-Tages-Visum allein nach London und spielt noch am selben Tag einen Auftritt im Londoner Club „Scotch Of St. James“.

Der Rest ist schnell erzählt: Jimmy James ändert

seinen Namen zu Jimi Hendrix, Chandler sucht mit Schlagzeuger Mitch Mitchell und Bassist Noel Redding die passenden Begleitmusiker für die “Jimi Hendrix Experience”, wie die neue Formation heißt. Erste Auftritt folgen, darunter auch im Pariser „Olympia“ und im Münchener „Big Apple Club“. Angeblich flieht Hendrix in München vor seinem aufgeheizten Publikum von der Bühne, lässt dabei die Gitarre zu Boden fallen, die ihrerseits ungewollte infernalische Rückkopplungen und Frequenzüberlagerungen auslöst. Das Publikum sieht dies als Teil der Show an und, so will es zumindest die Legende, Hendrix macht solche ungewöhnlichen Klänge zu seinem Markenzeichen.

1966 und 1967 absolviert die “Jimi Hendrix Experience” etliche Auftritte im UK, in Skandinavien und in Deutschland. Anfang 1967 erreichen erste Singles sowie das erste Album „Are You Experienced“ vordere Chartplatzierungen. Noch im selben Jahr spielt Hendrix auf dem Monterey Pop Festival. Am Ende des Songs „Wild Thing“ setzt er seine Gitarre in Brand, was ihn mit einem Schlag bekannt macht:
Hendrix, der gelegentlich sogar gelangweilt mit dem Rücken zum Publikum, ist nun nicht nur der Musiker, der seine Gitarre auch hinter dem Rücken spielen kann, das Instrument gelegentlich ekstatisch mit Zunge und Zähnen bearbeitet, die Gitarre kreischen und Krachen lässt und ihr mit Hilfe elektronischer Neuerungen bis dahin nie gehörte Töne entlockt. Er ist nun auch der Gitarrist, der auf der Bühne Dinge zeigt, die Konzertbesucher nie zuvor gesehen haben.

Im Oktober 1967 veröffentlicht die Band „Axis: Bold As Love“ und bricht zu einer erneuten Tour in die USA auf. Durch die massive Weiterentwicklung der Studiotechnik verbringt Hendrix viel Zeit an ständigen Overdubs und neuen Abmischungen der Songs von „Electric Ladyland“, das 1968 erscheint und die Band schon wieder zum extensiven Touren zwingt. Als Tribut an die vielen Konzerte und dem hohen Druck entfremden sich die Musiker untereinander. Auch zwischen Chandler und Hendrix kommt es zu massiven Spannungen. Am 29. Juni findet das letzte Konzert der Jimi Hendrix Experience statt.

Im Mai 1969 finden Kontrolleure am Flughafen im kanadischen Toronto im Gepäck von Hendrix Drogen. Nach und nach wird Hendrix, der schon seit seiner Adoleszenz von depressiven Phasen und Panikattacken (vgl. oben: München!) heimgesucht wurde, wohl unter dem Eindruck von Überbelastung, zunehmender Schlaflosigkeit und Drogen, psychisch immer labiler. Als vorläufiger Höhepunkt gilt das unter Wahnvorstellungen ausgelöste Randalieren in einem Hotelzimmer, was die Spannungen zwischen den Bandmitgliedern noch mehr verstärkt. Noel Redding schreibt später in seiner Biographie, dass die Band oft Alkohol, Haschisch und später auch LSD konsumierte, allerdings in der Regel erst nach den Auftritten. Dann sei es plötzlich vorgekommen, dass Hendrix bereits vor einem Auftritt zu LSD gegriffen habe und kaum ansprechbar gewesen sei. Hendrix Drogenkonsum habe sich sukzessive verstärkt. Dabei sei der Gitarrist durch den Missbrauch von Drogen, den er immer weniger kontrollieren konnte, in seiner Kreativität und in seinen Live-Darbietungen maßgeblich beeinträchtigt worden.

Für den Auftritt beim Woodstock-Festival (1969) muss Hendrix – abgesehen von Mitch Mitchell – eine neue Band zusammenstellen. Der Auftritt der Band, bei dem Hendrix die Nationalhymne „Star-Spangled Banner“ durch Gitarreneffekte mit Verzerrer und Wah-Wah regelrecht zerfetzt, wird zu einem Meilenstein der Rockgeschichte. Vielfach werden die Töne als Rattern von Maschinengewehren und Einschläge von Bomben assoziiert und von vielen als Kritik gegen den Vietnamkrieg interpretiert. Hendrix widerspricht dieser Interpretation und erklärt den Auftritt als Folge eines unmittelbar vor dem Auftritt erlittenen Nervenzusammenbruchs. Er habe gar nicht gewusst, was er da tat. Er habe einfach nur gespielt. Vielleicht unorthodox, aber wunderschön.
Sicher ist, dass Jimi in seiner Kindheit rassistische Anfeindungen erlebt und später mit den Black Panthers, einer sozialistischen schwarzen Bürgerrechtsbewegung in den USA, sympathisiert, der Organisation z.B. auch seine Einnahmen aus einem Konzert im Madison Square Garden spendet und Solidaritätskonzerte für den Mitbegründer der Bewegung, Bobby Seale, sowie die Aktivistengruppe „Chicago Seven” gibt. Ein Protest gegen den vom weißen Establishment entfachten Vietnamkrieg und für die Gleichberechtigung schwarzer US-Bürger scheint daher vielleicht nicht geplant, aber durchaus naheliegend zu sein.

Während der Aufnahmen für das neue geplante Album „First Rays Of The New Rising Sun“, das allerdings erst 1997 erscheint – eine Auswahl der Songs erscheint bereits 1971 als „Cry Of Love“ – , wechseln die Bandbesetzungen ständig. 1970 tourt Hendrix erneut, spielt in den USA und Europa, darunter auf dem Isle of Wight-Festival. Am 6. September spielt er auf der Ostseeinsel Fehmarn. Keine zwei Wochen später, am 18. September 1970, erstickt Hendrix in London an seinem eigenen Erbrochenen aufgrund einer Überdosis Schlaftabletten.

Aufgrund seines Todes mit 27 Jahren wird Hendrix später dem imaginären „Club 27“ zugerechnet, dem auch Janis Joplin, Jim Morrison, Amy Winehouse, Kurt Cobain und andere Musiker “angehören”.

Nach dem Tod von Jimi Hendrix wird sein Vater Al zum Verwalter der Experience Hendrix und entscheidet somit maßgeblich über Jimis musikalischen und finanziellen Nachlass, zu dem auch dessen 1970 fertiggestelltes Electric Ladyland-Studio und rund 600 Stunden Studiobänder gehören. Als Al 2002 stirbt, hinterlässt er per Testament die Rechte an der Experience Hendrix seiner Tochter Janie und Jimis Cousin Robert F. Hendrix, der 1995 in die Firma eingetreten war. Jimis Bruder Leon geht leer aus. Leons Klage gegen das Testament wird 2004 vom Gericht abschlägig beschieden: Danach hat Leon abgesehen von einer Goldenen Single-Schallplatte keinerlei Anspruch auf die Hinterlassenschaft seines Vaters. Nach eigenen Angaben besitzt Leon die 1964er Sunburst-Gitarre von Jimi. (Aufgrund von weiteren Streitigkeiten arbeitet letztlich niemand mehr aus der Hendrix-Familie in der Firma…)

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