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Ramone, Joey aka Hyman, Jeffry Ross

Ob manch ein Künstler unter seinem Geburtsnamen ähnlich bekannt geworden wäre wie unter seinem Pseudonym? Wer weiß. Beispiel: Joey Ramone Jones aka Jeffry Ross Hyman aka Jeffrey Hyman.

Vor 20 Jahren, genauer: am 15. April 2001, verstarb Jeffry Ross Hyman. Wer weiß, ob die Musikwelt von seinem Tod Notiz genommen hätte, hätte sie ihn nicht als Leadsänger und Songwriter der Ramones gefeiert. In der Band hieß er natürlich Joey Ramone. Er und John Cummings, besser bekannt als Gitarrist Johnny Ramone, waren die einzigen Musiker, die dieser Band satte 22 Jahre angehörten – von der Gründung 1974 bis hin zur Auflösung der Band im Jahr 1996. Alle Musiker, alle mit dem Nachnamen „Ramone“ – was natürlich lediglich ein Spaß war. Joey, Johnny, Dee Dee, Tommy und später Marky, Richie, Elvis und C.J. hatten in Wirklichkeit unterschiedliche Nachnamen.
Auslöser für den Bandnamen war Paul McCartney. Der hatte während seiner Silver Beetles-Zeit – ja, damals noch mit „ee“ – das Pseudonym „Paul Ramon“ verwendet – für Dee Dee Ramone der Auslöser, seinen Musikerkollegen das Pseudonym „Ramones“ schmackhaft zu machen. Und irgendwie waren die Musiker verrückt genug, sich selbst entsprechende Pseudonyme zu geben, bei denen natürlich die Vornamen genauso wenig dem Eintrag in ihren Geburtsurkunden entsprechen wie ihre Nachnamen.

Jeffry Ross Hyman stammt aus dem New Yorker-Stadtteil Forest Hill. Schon als Schüler war er eine auffällige Erscheinung: ein fast zwei Meter langer, dürrer Kerl, stark sehbehindert, lange Haare, die meistens sein Gesicht verdeckten. Wenn er eine Treppe mehrfach hinauf- und wieder hinterlief, sah das für andere merkwürdig aus. Tatsächlich entsprang dieses Verhalten den Zwangsstörungen, unter denen er litt. Ursprünglich wollte Jeffry Schlagzeuger werden, nahm auch ab seinem 13. Lebensjahr Schlagzeugunterricht. Aber weil Dee Dee beim Singen schnell heiser wurde und ohnehin Probleme hatte, Gitarrenspiel und Gesang unter einen Hut zu bekommen, wurde Joey Leadsänger der Band. Damals waren die Ramones noch ein Trio, wuchsen mit dem neuen Schlagzeuger Tommy Ramone zum Quartett.

Gelegentlich waren Joeys Zwangsstörungen extrem. So heißt es, dass der Tourbus der Band zwischen London und dem Flughafen Heathrow mehrfach hin- und herfahren musste, damit Joey kleine, geprägte Quadrate im Stoff der Kopfstützen des Busses bis zu Ende zählen konnte. Auf der Bühne war von Joeys Zwangsstörungen jedoch nichts zu spüren. Im Gegenteil: Er ging ganz in der Musik auf, vor allem in den ruhigeren Songs der Band. Deshalb galt er auch bandintern als Hippie der Gruppe, was er jedoch von sich wies. Joey soll von den Mädchengruppen der 1960er Jahre fasziniert gewesen sein, vor allen von den Ronettes. Dem Erfinder der Wall of Sound, Phil Spector, half Joey bei der Produktion von dessen 1999er „She Talks To Rainbows“, übernahm im Song „Bye Bye Baby“ sogar die Rolle des Duettpartners.

Im März 1996 löste die Band ungewollt Krawalle in Argentinien aus: Werbepartner Coca-Cola startete eine Aktion, bei der der Brausehersteller gegen 10 Flaschenverschlüsse von Colaflaschen eine Eintrittskarte für ein Ramones-Konzert in Buenos Aires eintauschen wollte. Der Andrang war so groß, dass die vorab gesicherten Tickets nicht ausreichten, was die jugendlichen Fans damit beantworteten, dass sie wütend durch die Straßen der Stadt zogen, Geschäfte plünderten und ein Meer der Zerstörung zurückließen.

Ein besonders harter Schlag traf Joey Anfang der 1980er Jahre: Seine Freundin Linda Danielle, mit der er seit Ende der 1970er Jahre liiert war, nahm er mit auf Tour. Die aber begann eine Beziehung zu Bandmate Johnny, was die eh schon angespannte Situation in der Band verschärfte und die Emotionen zwischen Joey und Johnny hochkochen ließ. 1982 verließ Linda Joey, heiratete zwei Jahre später Johnny und nannte sich von nun an Linda Ramone. Bis zu seinem Tod im Jahr 2001 schaffte es Joey nicht, sich mit Johnny zu versöhnen. Der blieb der Beerdigung von Joey fern.
Ohnehin war die Stimmung in der Band lange Zeit schwierig. Angeblich packten die Musiker nach dem letzten gemeinsamen Auftritt im Jahr 1996 ihre Sachen zusammen und gingen auseinander, ohne sich voneinander zu verabschieden. Die Ramones waren Geschichte.

Dennoch (oder vielleicht gerade deshalb?) wurden im nächsten Jahr, 1997, vier verschiedene Arten von Trilobiten, also ausgestorbene meeresbewohnende Gliederfüßler, nach vier Ramones-Musikern benannt. Joey wurde auf diese Weise Namensgeber vor Mackenziurus joeyi.

Die Ramones waren eine der besten Punkrock-Bands der Welt, wenn nicht die beste. Und sie waren stilprägend. Frei nach dem Motto: Wenn kaum jemand (mehr) die Mucke spielt, die wir gerne hören möchten (The Who, Stooges, MC5, Kinks), dann spielen wir sie eben selbst. Bei den Ramones hieß das allerdings: extrem schnelle, sehr kurze – meistens gerade einmal zwei, allerhöchstens 2 ½ Minuten – knochenharte Punksongs, möglichst laut und mit möglichst einfachen Texten. So, dass selbst KiTa-Kinder sie nach kurzer Zeit mitsingen könnten – wenn denn Papa und Mama sie nicht vor den Ramones behüten würden.

Merkwürdig, aber nicht unbedingt ein Widerspruch: Die Platten der Ramones verkauften sich nicht besonders gut. Angeblich brachte die Band mehr ihrer berühmten T-Shirts an die Frau und den Mann als Platten. Trotzdem wurden die Ramones 2002 in die Rock and Roll of Fame aufgenommen. Übrigens: vor den Sex Pistols und vor The Clash. Anlässlich der Aufnahme der Band in die Rock and Roll Hall of Fame spielten Green Day den Ramones-Titel „Blitzkrieg Bop“. Für Aufsehen sorgte, dass Johnny Ramone, bekennender Republikaner, im Zusammenhang mit dem Krieg der USA in Afghanistan während der Acceptance Speech der Band „God bless President Bush and God bless America“ ausrief, sehr zum Missfallen von Eddie Vedder, der die Ramones in die Hall of Fame einführte und erklärter Gegner der Republikaner war.

Bereits nach dem Tod von Joey am 15. April 2001 hatte die Band beschlossen, nie wieder gemeinsam aufzutreten. Auch ohne Joey wäre dies schwierig geworden: Dee Dee starb 2002, Johnny 2004, Tommy 2014. Joey, Johnny und Tommy erlagen bösartigen Krebstumoren, Dee Dee starb an einer Überdosis Heroin.

Posthum erschien 2002 das Joey Ramone Solo-Album „Don’t Worry About Me“ mit elf Songs, die aus seinem Nachlass ausgewählt wurden und am ehesten nach den Ramones klangen. Joey hatte die Stücke im Verlauf mehrerer Jahre eingespielt, „I Got Knocked Down“ deutlich erkennbar unter dem schwierigen Verlauf seiner Krebserkrankung. Textzeilen wie „Sittin‘ in a hospital bed // Frustration goin through my head // Turn off the TV set // Take some drugs so I can forget“, dazu die mehrfache Wiederholung von „I want my life“ zeugen von seinem Wissen um den nahenden Tod.

Zehn Jahre später, 2012, erschien ein zweites Solo-Album mit dem Titel „…Ya Know“, das Joeys Bruder Mitchel Lee Hyman, besser bekannt als Mickey Leigh, zusammengestellt und produziert hatte.

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