Dean, Olivia – So Easy (To Fall In Love)
Wem mit einer Auskoppelung aus dem erst zweiten Studioalbum mehr als 400 Millionen Aufrufe bei Streamingdiensten gelingen, der hat es geschafft. Olivia Dean ist das gelungen, und zwar mit „So Easy (To Fall In Love“. Zu hören ist dieser Song auch auf Olivias zweitem Studioalbum „The Art Of Loving“.
Sehenswert: Olivia bei Inas Nacht
Dieses Album hat die britische Newcomerin auch bei uns promotet, und zwar mit einem Gänsehautauftritt im Oktober 2025 bei der von Ina Müller moderierten Show „Inas Nacht“. (Das damals vorgetragene „Close Up“ hat Olivias Plattenfirma übrigens bislang noch nicht als Single ausgekoppelt…) Ganz nebenbei war das Olivias zweiter Besuch bei Inas Nacht: Im August 2023 und damit passend zur Veröffentlichung ihres ersten Studioalbums „Messy“ war Olivia Dean mit „The Hardest Part“ ebenfalls bei der Show mit „Singen, Sabbeln, Saufen“, zu der auch Live-Musik (Singen) obligatorisch dazugehört.
Lauryn Hill steht Pate
Wem die Sängerin trotzdem und auch trotz vier Brit-Awards und eines Grammys immer noch unbekannt ist, voilà: Olivia Lauryn Deans ist Tochter eines Engländers und einer Mutter mit karibischen Wurzeln. Weil Olivias Mutter Fan der Fugees-Sängerin Lauryn Hill war, steht „Lauryn“ als Olivias zweiter Vorname in der Geburtsurkunde. Im Hause Dean gab es immer wieder Musik: Olivias Mutter stand neben den Fugees vor allem auf Musik von Jill Scott und Angie Stone, während Olivias Vater Carole King und Al Green bevorzugte. Kein Wunder also, dass Olivia früh beschloss, Sängerin zu werden, und zwar bereits mit acht Jahren.
Flucht vor dem Alltag
Schon in der Primary School, also der Grundschule, errang Olivia im Rahmen eines Gesangswettbewerbs einen zweiten Platz, wirkte in einem Gospelchor mit und nahm an einem Musicalworkshop teil. Nicht zuletzt aufgrund der Spannungen zwischen in Großbritannien geborenen Briten und britischen Zuwanderern vor allem aus der Karibik fühlte sich Olivia als Schwarze an ihrem Wohnort im Nordosten Londons nicht wohl. Wohl intuitiv bot sich die Musik als Möglichkeit an, der Alltagssituation zu entkommen.
BRIT School
2014 wird die damals 15jährige an der BRIT School in Croydon aufgenommen. Diese Schule des Britisch Record Industry Trust hat das Ziel, junge Menschen auf ihre späteren Berufe in darstellenden Künsten, also Theater, Musik, Tanz, Design, Produktion, Mediengestaltung u.ä. vorzubereiten. Adele, Jessie J, Leona Lewis, Katie Melua, Kate Nash und Amy Winehouse sind nur einige der Musikerinnen, die die BRIT-School erfolgreich absolviert haben. Und eben auch Olivia Dean.
Von Musical zu Songwriting
Eingeschrieben hatte sie sich anfangs im Bereich Musical, wechselte aber in den letzten zwei Jahren zum Songwriting. Als 16jährige begann sie erste Songs zu schreiben; als 17jährige spielte sie als Straßenmusikerin am Themseufer. Kurz nach dem Tod von Aretha Franklin im August 2018 stellte die noch 20jährige Olivia ihre Coverversion des Songs „(You Make Me Feel Like) A Natural Woman“ auf YouTube. Der Song stammte zwar aus der Feder von Carole King (s.o.!), war aber von der Queen Of Soul gesungen worden. Ein Jahr später erschien Olivias in Eigenregie veröffentlichte Single „Reason To Stay“. Nach der Mitwirkung bei „Adrenaline“ von der britischen Drum-and-Bass-Band Rudimental in 2019 folgte ein Plattenvertrag bei Virgin EMI Records, ehe ihre junge Karriere wie bei vielen anderen Interpretinnen und Interpreten durch die Corona-Pandemie erst einmal gestoppt wurde.
Weitere Schritte zum Erfolg
Nachdem der damals amtierende englische Premierminister Boris Johnson im Juli 2021 alle Corona-Maßnahmen aufgehoben hatte, tourte Olivia Dean vor einem ständig wachsenden Publikum, hatte Auftritte in der Newcomershow BBC Music Introducing und beim legendären Glastonbury Festival 2024 und 2025.
2023 erschien Olivias erstes Album „Messy“. Im Mai 2024 erfolgte ein Konzertmitschnitt im Eventim Apollo, dem ehemaligen Hammersmith Odeon, in London, der unmittelbar vor Weihnachten 2024 veröffentlicht wurde. Im September 2025 veröffentlichte Olivia Dean ihr zweites Studioalbum „The Art Of Loving“.
Authentisches zweites Album
Olivia Deans Songs auf „The Art Of Loving“ wirken authentisch, gereifter und gleichzeitig nachdenklicher als all ihre bisherigen Songs. Die Themen der Songs, darunter die kleinen Wahrheiten des Alltags, Selbstfindung und – wer hätte das gedacht? – Beziehungen stehen unter dem Primat des Albumtitels. Der signalisiert, dass es sich bei einer glücklichen, liebevollen Beziehung eben um etwas Besonderes handelt, eine ziemlich anspruchsvolle Angelegenheit.
The Art Of Loving
Oder wie Olivia Dean singt:
„Ich könnte die Überraschung sein,
die dich innehalten lässt,
das Sahnehäubchen auf deinem Kuchen,
die Kirsche ganz oben drauf.
In meinem Herzen ist der Himmel
und wir könnten dort einen Platz für dich finden.
Ich könnte für dich die ganze Welt sein,
das fehlende Puzzlestück,
die besonders gefühlvolle Art von Chemie.
Ich mache es so leicht, sich in mich zu verlieben.“
Finde den Fehler
Eine merkwürdige Sache: Da signalisiert der Albumtitel, dass es quasi besonderer Kunstfertigkeit bedarf, um eine liebevolle Beziehung führen zu können. Und da behauptet einer der Songs dieses Albums, dass es doch eigentlich ganz leicht sei. Finde den Fehler!
Nur: Es gibt keinen! Allenfalls braucht es bestimmte Voraussetzungen für eine liebevolle Partnerschaft. Mit ständigen Diskussionen, Auseinandersetzungen, Forderungen und sonstigen Hürden wird das sicher nichts. Oder wie es im Song heißt:
„Manche Leute machen es sich schwer!“
Um fortzufahren:
„Bei mir ist das nicht der Fall.“
Himmel im Herzen
Wenn Olivia Dean singt, dass in ihrem Herzen der Himmel ist, dann singt sie nicht über die Atmosphäre, den Luftraum, in dem Vögel fliegen und Sonne, Regen und Wolken ihren Platz haben („sky“). Stattdessen besingt sie einen paradiesischen, vollkommen harmonischen Idealzustand, eine jenseitige, nicht sichtbare Sphäre („heaven“), die üblicherweise mit dem „Wohnort Gottes“ sowie der Lebenswelt von Engeln und Verstorben in Verbindung gebracht wird.
Liebe als etwas Heiliges
So betrachtet wird wirkliche Liebe zu einem Geschenk, ist sogar ein Akt der Gnade. In „So Easy (To Fall In Love)“ wird diese Form der Liebe zu etwas Heiligem.
Auch darüber hinaus bemüht der Text Anklänge an spirituelle Gegebenheiten. So heißt es:
„Ich bin die perfekte Mischung aus Samstagabend und dem Rest deines Lebens.“
Was bedeutet: Ich kann dir nicht nur ein aufregendes Wochenende mit Spaß, Romantik und „magischen, besonderen Momenten“, bieten, sondern auch eine dauerhafte, stabile Beziehung für das gesamte Leben, die auch im Alltag zwischen Zähneputzen, Arbeiten erledigen und müde-nach-Hause-Kommen funktioniert.
Zwischen Zähneputzen und Abenteuer
Dabei sorgt die „Abenteurerin“ für Überraschungen, Abwechslung und eben dafür, dass es in der Beziehung nicht langweilig wird und sich nicht zu viel einschleift; die Seite, die das Beständige im Blick hat, kontrolliert die Abenteurerin und sorgt dafür, dass sie nicht über das Ziel hinausschießt und unbedacht der Beziehung schadet. Auf diese Weise fallen zwei vermeintliche Gegensätze zusammen, kontrollieren und beschränken sich gegenseitig zum Wohl der Beziehung. Die Sängerin stellt sich selbst als das Mittel bzw. Vehikel dar, durch das das Vergängliche und Sensationelle mit dem Dauerhaften in Harmonie zusammenkommen.
Vertrauen
Diese Harmonie führt dazu, dass man sich gegenseitig vertrauen und öffnen kann. Olivia singt:
„Du musst dich nicht verstecken, wenn du auf mich stehst.
Denn ich stehe ziemlich intensiv auf dich.“
Zur wirklichen Liebe gehört ein Umfeld, in dem jeder ohne Maske und Schutzmäntelchen leben kann, ohne Scham und Angst davor, eventuell ausgenutzt zu werden. Wahre Liebe ist nur mit radikaler, gegenseitiger Akzeptanz möglich.
Gegen Ende folgt nach der wiederholten Zeile
„Es ist leicht, sich in mich zu verlieben“
eine schier unendliche Wiederholung des Wortes „mich“.
Mantra
Textlich, aber auch musikalisch wirkt diese Passage wie ein Mantra, also eine Gebetswiederholung. Aus der Meditation ist bekannt: Spricht man eine kurze Silbe sehr oft hintereinander, löst sich die ursprüngliche Bedeutung gewissermaßen auf. Die Silbe klingt plötzlich wie ein eigenständiges Klanggebilde. Auf diese Weise soll das Bewusstsein für eine höhere Wahrnehmung geöffnet werden.
Dasselbe gilt auch für das „mich“ im Song: Es wird mit der Zeit nicht mehr als Pronomen wahrgenommen wird, sondern öffnet das Verständnis für eine tiefere Bedeutung: Es geht nicht mehr nur um die Frau, die singt, sondern um etwas Größeres, nämlich um das „Heilige“ wirklicher Liebe. Die ist eine beständige Kraft, die jederzeit das Gefühl von Heimat und Geborgenheit vermitteln kann.
Schlag nach bei… Erich Fromm
Zu weit hergeholt? Eher nicht. Der deutsche Psychoanalytiker Erich Fromm war 1934 vor den Nazis aus Deutschland in die USA geflohen, besaß später sowohl die deutsche, wie auch die US-amerikanische Staatsbürgerschaft. In seinem Buch „The Art Of Loving. An Inquiry into the Nature of Love“ (Harper & Brothers, New York 1956; in deutscher Übersetzung: Die Kunst des Liebens, Ullstein, Berlin 1959) beschrieb Fromm Liebe als eine Kunst, die theoretisches Wissen, Hingabe und vor allem ständige Praxis erfordert.
Liebe als aktives Moment
Danach ist Liebe vor allem eine aktive Fähigkeit. Zwar gehöre es, so Fromm, auch zur Liebe, geliebt zu werden; wesentlicher sei aber die eigene Fähigkeit aktiv zu lieben. Für die wahre Liebe formuliert Fromm vier seiner Meinung nach unersetzliche Säulen: Die konkrete Fürsorge für den Geliebten und sein Leben; die Verantwortung, auf die Bedürfnisse des Anderen zu reagieren; den Respekt (bei Fromm „Achtung“), den Anderen so anzunehmen, wie er ist, ohne ihn besitzen zu wollen und letztlich das tiefe Verständnis des Anderen (bei Fromm „Erkenntnis“).
Fromms Vorstellung von der wahren Liebe lässt sich, wenn auch stark verkürzt, in seinem Kernsatz zusammenfassen:
„Liebe ist kein Gefühl, dem man einfach verfällt, sondern eine bewusste Entscheidung, ein Versprechen und eine Kunst.“ (Kapitel II („Die Theorie der Liebe“) im Unterabschnitt „c) Die erotische Liebe“, z.B. Ullstein, Berlin 2003, 70).
Das Kostbare im Alltäglichen entdecken
Fromms Vorstellungen wirken beinahe wie der theoretische Bauplan für Olivia Deans „So Easy (To Fall In Love)“: Um wirklich glücklich zu lieben, musst du nicht aus deinem normalen Leben entfliehen. Du brauchst keinen Rückzugsort und keine großen Opfer. Der Weg ist viel einfacher:
Lebe den Alltag, statt vor ihm zu fliehen. Wenn du lernst, den normalen Tag mit Liebe zu leben, wird aus dem Alltäglichen ganz von selbst etwas Kostbares.
Es bringt nichts, hart zu sich selbst zu sein und Verzicht zu üben. Entscheidend ist die persönliche Offenheit: Wahre Liebe kann nur dort entstehen, wo es keine Masken, keine hinterhältigen Gedanken und keinen „doppelten Boden“ gibt, sondern wo sich Menschen ohne Vorbehalte aufeinander einlassen.
Das Beste: ein anderer Mensch
Manchmal ist das Beste, das uns passieren kann, einfach ein anderer Mensch. Ein Partner, der dich wirklich sieht und versteht. Wenn du bei dieser Person Sicherheit fühlst, fallen alle Sorgen und Ängste weg.
Kurz gesagt: Wenn Vertrauen und Verständnis als Grundvoraussetzungen vorhanden sind, dann ist wirkliche Liebe tatsächlich „so easy“.
Olivia Dean – „So Easy (To Fall In Love)“
Der bei Radio Salü gesendete Beitrag ist eine Kurzfassung dieses Textes.
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