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Isaak – We Had It All

Zu Beginn von „We Had It All“ zeichnet Isaak ein Bild seines Kiez: geklaute Zigaretten, ungekühlte, lauwarme Getränke, achtlos in die Gegend geworfene leere Getränkedosen – wie es scheint, ein trostloses Bild. Denn Hoffnung auf eine bessere Zukunft

Isaak – „We Had It All“ – ein Leben voller Enttäuschungen

macht dieses Umfeld nicht. Im Gegenteil. Wer finanziell dazu in der Lage war, ist aus dieser trostlosen Gegend weggezogen, hat sie – im doppelten Sinn des Wortes – weit hinter sich gelassen. Denn derartige Lebensumstände ziehen runter, führen zu einer geistigen Leere. Isaak singt:

„Wir waren so leer wie die Dosen, die wir auf dem Bürgersteig zurückließen!“

Dazu kommt die Erfahrung, dass keine Besserung in Sicht ist. Im Song klingt das so:

„Es waren immer fünf Schritte vorwärts,
aber zwanzig Schritte zurück!“

Die logische Konsequenz:

„Ich hasse alles – das meine ich ernst.
Ich will ausbrechen!“

We Had It All bedeutet: trotz Zukunftssorgen etwas Großes

Keine Zukunftsperspektiven, keine Hoffnungen, kein Sinn im Leben – eine Beschreibung, die auf manchen Kiez zutrifft. Denn, so der erste Eindruck des Songs, die Aussichten für die junge Generation sind düster. Doch dieser Eindruck täuscht. Denn in scheinbarer Sinnleere und großem Weltschmerz entsteht etwas Wertvolles: wichtige Gespräche über Gott und die Welt, auch wenn sie nur durch die Angst ausgelöst werden, dass die Zukunft noch schlimmer werden könnte. Und es entstehen tiefe Beziehungen, Zusammenhalt und Freundschaft. Gerade da, wo es an Materiellem fehlt, wird eine enge Verbundenheit zu einem besonders wertvollen Schatz.

Das Wichtigste…

Isaak bringt dies in Songtitel bzw. Refrain kurz und knapp auf den Punkt:

„Wir hatten alles!“

Und das, obwohl eben kein Vorankommen erkennbar ist. Auch wenn es im Leben gelegentlich voranzugehen scheint, gibt es eben doch immer wieder Momente, in denen man sich komplett zurückgeworfen fühlt. Ein ewiges Vorankommen, ein ewiges Zurückgeworfenwerden.

We Had It All – schon in der Antike

Diese Erkenntnis über das Leben ist uralt. Schon die antike griechische Mythologie griff sie auf und verpackte sie in eine anschauliche Erzählung: Danach war Sisyphus, der König von Korinth, so clever, dass er sogar die Götter überlisten konnte. Sogar den Tod fesselte Sisyphus, so dass ihn der Gott der Unterwelt wieder zu den Lebenden zurückkehren lassen musste.
Aufgrund seiner Taten verdammten die Götter Sisyphus zu einer ewigen Strafe: Er musste einen gigantischen Felsbrocken bergauf rollen. Immer kurz vor dem Gipfel entglitt ihm der Stein und rollte wieder bis zum Fuß des Berges. „Und täglich grüßt das Murmeltier“ bedeutete für Sisyphus, wieder ganz von vorne zu beginnen. Ein Akt extremer Sinnlosigkeit, der kaum zu überbieten ist.

Nicht zerbrechen

Obwohl Sisyphus erkennt, dass seine Strafe auf Ewigkeit angelegt ist, zerbricht er nicht an ihr. Er akzeptiert sie und macht sie sich sogar zur eigenen Lebensaufgabe. Weil es den Göttern also nicht gelingt, Sisyphus durch seine Strafe zu zerbrechen, sieht der französische Philosoph und Religionskritiker Alber Camus in ihm sogar einen Helden des Absurden. Gerade weil er seiner Aufgabe nachkommt, obwohl keinerlei Hoffnung auf Besserung besteht, macht er aus seiner eigentlichen Ohnmacht sogar einen Triumph über die Götter. Für Camus ist Sisyphus, der an der ewigen, unabänderlichen Strafe und Lebensaufgabe nicht zerbricht, sogar glücklich.

Zeitenwechsel in We Had It All

Hoffnungslos, aber trotzdem glücklich – dieses Sisyphusphänomen findet sich auch in Isaaks „We Had It All“. Sogar die Komponente des Unaufhörlichen ist im Song enthalten, wenn Isaak singt:

„Jetzt wecken mich meine Kinder morgens um sieben.
Was für eine Wendung – das kannst du dir nicht vorstellen.
Denn in meinem Kopf fühle ich mich wie zwölf,
aber ich muss auf sie aufpassen und ihnen sagen,
dass die Zukunft überall ist.
Sie reden über die Welt aus Angst,
dass es noch schlimmer werden könnte.
Ich verbringe mein ganzes Leben damit,
mir zu sagen, dass alles gut wird.“

Generationsübergreifendes Phänomen

Isaak bleibt nicht bei seiner Vergangenheit und früheren Zukunftsängsten stehen. Dass seine Kinder – wie er früher – Angst vor einer ungewissen Zukunft haben, an fehlenden Perspektiven und sterbenden Hoffnungen leiden, lässt die Angst vor der Zukunft zu einem generationsübergreifenden Phänomen werden. Ähnlich wie Sisyphus, der nie aufgibt und sich durch nichts zerbrechen lässt, setzt Isaak der Zukunftsangst in seinem Song gleich mehrere Antworten entgegen:

Verantwortung in in We Had It All

So versucht er seinen Kindern zu vermitteln, dass die Zukunft überall ist. Als Vater hat er Verantwortung für seine Kinder zu übernehmen. Ihnen gibt er seine Erfahrungen, seinen Wissensvorsprung wie eine Weisheit weiter. Dies erinnert an biblische Segenssprüche, nach denen am Ende alles gut wird, soweit man sein Leben Gott anvertraut. Dabei gehört es zur Vaterrolle, seine Kinder eben nicht an der von ihnen empfundenen Perspektivlosigkeit verzweifeln zu lassen. Im Song wird daraus sogar eine quasi-prophetische Situation, in der der Vater beteuert, dass es berechtigten Grund zur Hoffnung gibt – und zwar nicht irgendwann in einer fernen Zukunft, sondern bereits jetzt, allgegenwärtig. Die Parallele zur mystischen Vorstellung von einem guten Gott, der überall und im Hier und Jetzt wirkt, ist greifbar.

Das Mantra in We Had It All

Der Titel des Songs, „We Had It All“, „wir hatten alles“, wird durch seine vielfachen Wiederholungen zu einer Art Mantra. Seine Botschaft: „Uns geht es doch gut. Mit dem, was wir haben, können wir zufrieden sein. Es reicht völlig aus.“ Diese Versicherung tröstet, obwohl – vielleicht auch gerade weil – die Welt, in der wir leben, zerbrechlich ist und, wie man angesichts der tagespolitischen Meldungen manchmal meinen möchte, vielleicht sogar gerade dabei ist zu zerbrechen.

Song über das Erwachsenwerden

„We Had It All“ ist ein Song über das Erwachsenwerden, auch über die Wahrnehmung der Gesellschaft durch unterschiedliche Generationen, erst recht über die Verantwortung, die Erwachsene gegenüber ihren Kindern haben. Auf die Frage, was im Leben nachhaltig glücklich macht und dem eigenen Leben Sinn gibt, gibt der Song eine klare Antwort: Die „rich kids“ und ihr materieller Überfluss spielen dabei keine Rolle. Viel wichtiger sind persönliche Beziehungen; Freundschaften, die nicht nur Jahre überdauern, sondern auch schwierige Zeiten. Für viele Menschen gehört auch die Beziehung zu Gott dazu.

Reichtum ist mehr als Besitz

Wirklicher Reichtum hängt also nicht vom Besitz ab, sondern entsteht in einer Gemeinschaft, mit der man gemeinsame Erinnerungen teilt und die durch Krisen trägt. Man muss wohl eine Menge Erfahrungen gesammelt haben, um zu dieser Einschätzung zu gelangen. Oder jemandem vertrauen, der weiß, wovon er spricht. Vielleicht ist das ja der Grund, weshalb Isaak seine Konzerte in jüngster Zeit immer mit genau diesem Song beendet.

Isaak – „We Had It All“

Der bei Radio Salü gesendete Beitrag ist eine Kurzfassung dieses Textes.

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