Saxon – 747 (Strangers In The Night)
1966 besingt Frank Sinatra in „Strangers In The Night“ zwei Unbekannte, die sich Hals über Kopf ineinander verlieben und eine romantische Beziehung eingehen. Als Saxon 1980 ihr „747 (Strangers In The Night)“ veröffentlichen, stellen sie Sinatras Song auf den Kopf – und verarbeiten gleichzeitig ein historisches Ereignis.
Alles steht still
Das Schreckensszenario entwickelt sich innerhalb von Minuten: Die Verkehrsampeln fallen aus, U-Bahnen stottern plötzlich in den Tunneln, bis sie zum Stillstand kommen, Tausende Menschen stecken in Aufzügen fest und in den Wolkenkratzern gehen die Lichter aus. Besonders übel trifft es die Menschen, die gerade in Krankenhäusern operiert werden. Zumindest in einem Fall steht eine komplizierte Gehirnoperation buchstäblich auf Messers Schneide.
Passiert ist das alles am 9. November 1965. Und ganz im Sinne der damaligen Zeit befürchtet der damalige US-Präsident Lyndon B. Johnson im ersten Moment einen Sabotageakt der Russen, während etliche seiner „Normalbürger“ von einem Angriff von Außerirdischen ausgehen.
“Banaler“ Stromausfall… mit großen Folgen
In Wahrheit handelt es sich an jenem Tag eigentlich nur um einen banalen Stromausfall. Aber um einen mit weitreichenden Folgen: In der „Sir Adam Beck Station“, einem Wasserkraftwerk in Niagara und damit im Grenzgebiet zwischen Kanada und den USA, kappt ein Sicherheitsrelais wegen einer vermeintlichen Überlastung eine Hauptleitung. Das Sicherheitssystem funktioniert. Aber es setzt auch eine Kettenreaktion in Gang: Denn die gewaltige Strommenge muss irgendwohin, weicht – wie vorgesehen – auf vier parallele Leitungen aus. Die allerdings sind diesem massiven Ansturm nicht gewachsen und schalten sich ebenfalls wegen Überlastung ab. Damit aber noch immer nicht genug: Um nämlich Überlastungsschäden an anderen Kraftwerken im Netzverbund zu verhindern, fahren alle im gesamten Nordosten des amerikanischen Kontinents vernetzten Kraftwerke ebenfalls vollautomatisch herunter.
Nichts geht mehr
Die Konsequenzen sind auch heute noch atemberaubend: Denn innerhalb von nur vier Minuten bricht das gesamte Stromnetz zusammen. Betroffen sind 30 Millionen Menschen in zwei kanadischen Provinzen und acht US-amerikanischen Bundesstaaten. Diese Kaskade von Abschaltungen führt dann zum später „Northeast Blackout“ genannten gigantischen Stromausfall. Zum Teil dauert es bis zu 13 Stunden, bis das Netz vollständig wiederhergestellt ist. Für die etwa 800.000 Menschen, die allein in New York in den U-Bahn-Tunneln festsitzen, und viele andere eine schier unendlich lange Zeit in Angst und Ungewissheit. Und das alles, weil das eingangs benannte Sicherheitsrelais falsch eingestellt war und einen völlig normalen Strompegel als vermeintliche Überlastung interpretierte.
Doku im UK und Peter „Biff“ Byford
1978 und damit 13 Jahre später sieht Peter „Biff“ Byford im fernen England eine Dokumentation über diesen Stromausfall. Schnell kann sich der spätere Saxon-Shouter in die Situation der Betroffenen hineinversetzen. Bei ihm sind es vor allem diejenigen, deren Flüge nicht rechtzeitig umgeleitet werden konnten und die nun in Flugzeugen über New York kreisen. Das Szenario: Die Landebahnbeleuchtung am John F. Kennedy-Airport: ausgefallen. Der gesamte Flughafen: komplett im Dunkeln. Der Funkkontakt: abgebrochen. Für die kreisenden Maschinen fehlt jegliche Orientierung, um landen zu können.
Fokussiert auf zwei Linienflüge
Ein Ereignis, dass Byford für das dritte, 1980er Saxon-Album „Wheels Of Steel“ zu einem typischen Saxon-Klassiker verarbeitet. In „747 (Strangers In The Night)“ konzentriert er sich auf die Personen an Bord einer Boeing 747 und eines Scandinavian-Airlines-Flug 101. Byford singt:
„Hier ist Scandinavian 101!
Kennedy, du solltest schon in Sicht sein.
Wir können hier in der Nacht nichts sehen.
Der Navigator sagt, wir sind auf dem Flugweg.
Es gibt keinen Funk, kein Lebenszeichen
Um Gottes willen, schaltet endlich eure Bodenbeleuchtung ein.“
Blick aus dem Tower
Quasi aus dem Kontrollturm beschreibt Byford den Anflug eines Jumbo-Jets:
„Da fliegt eine 747 in die Nacht hinein.
Es gibt keinen Strom, sie wissen nicht warum.
Sie haben keinen Treibstoff mehr, sie müssen bald landen.
Sie können nicht im Mondlicht landen.
Sie fliegen über das Ziel hinaus, es gibt keine Leuchtfeuer.“
Ohnmacht und Existenzangst
Dass es sich real um den Scandinavian Airline-Flug 911 (und nicht 101) handelt und auch nicht um eine Boeing 747, also eben nicht um einen Jumbo-Jet, der erst 1969 und damit vier Jahre später in den Dienst gestellt wird – geschenkt!
Entscheidend ist, wie Saxon die Ohnmacht, Orientierungslosigkeit und existentielle Bedrohung dieses historischen Ereignisses bearbeiten: Als Hörer wird man Zeuge, wie beide Crews verzweifelt versuchen, Kontakt mit dem Tower aufzunehmen – und scheitern. Absturz vorprogrammiert?
Der Refrain fasst das gemeinsame Schicksal der Menschen an Bord dieser beiden Flüge zusammen:
„Wir waren Fremde in der Nacht auf getrennten Flügen.
Wir kommen nicht voran. Wir fliegen ins Nirgendwo!“
Gegenstück zu Sinatras „Strangers In The Night“
Mit der Phrase „Strangers In The Night“ zitiert Peter „Biff“ Byford ganz bewusst den gleichnamigen Song von Frank Sinatra. Der sang 1966 von Unbekannten, die sich bei ihrer ersten Begegnung Hals über Kopf ineinander verlieben und eine enge Beziehung eingehen. Byford, nach eigenen Aussagen Sinatra-Fan, stellt die in Sinatras Song geschilderten Ereignisse auf den Kopf und dreht eine romantische Situation ins Existentielle: Die Menschen auf beiden Flügen durchleben zwar dasselbe Schicksal, aber sie kommen nicht zum angestrebten, identischen Ziel, können sich nicht gegenseitig helfen, sondern bleiben dauerhaft getrennt voneinander. Allgemeingültig formuliert: Jeder Mensch durchschreitet seine dunkelsten Momente allein.
Anrufung Gottes
Leicht lassen sich verschiedenste Elemente des Songs durch eine religiöse Brille betrachten: Zweimal im Song ertönt der Ruf „Um Himmels willen!“ Für religiöse Menschen ist dies ein Stoßgebet, ein instinktiver Ruf nach Gott, gerufen von einem Menschen in äußerster Not. Weniger religiös Orientierte sehen in diesem Ruf lediglich eine gängige Redewendung, mit der der Pilot darum bittet, dass die Technik wieder funktioniere. Wen er allerdings eigentlich bittet, bleibt dabei ungeklärt. In beiden Fällen transportiert dieser Ausruf die Bitte um ein Zeichen, dass irgendwo am Boden noch Leben vorhanden ist. Und mit diesem Leben verbunden auch eine gewisse Form von Ordnung, die für das Gelingen des Landeanflugs im wahrsten Sinne des Wortes überlebenswichtig ist.
Ohne Gott = ohne Orientierung
Aber diese Ordnung, die Orientierung gibt, existiert in der konkreten Situation nicht mehr. Auch hier fällt es leicht, über das bloße historische Ereignis im übertragenen Sinn an das Erlöschen eines Prinzips zu denken, das üblicherweise Orientierung spendet. Aus religiösem Blickwinkel wäre dies mit dem Verlust der göttlichen Gegenwart gleichzusetzen. Für eine säkulare wie auch eine religiöse Interpretation gelten gleichermaßen: Fällt die übergeordnete Orientierung aus, steht der Mensch buchstäblich „im Dunkeln“, verliert also die Kontrolle.
Andere Orientierungshilfen
Es mag zur menschlichen Natur gehören, immer auch nach dem kleinsten Rettungsanker zu hangeln. Im Song ist dies der Mond, der Licht reflektiert. Genug Licht zum Landen? Leider nicht! Denn im Song heißt es, wie bereits angesprochen:
„Sie können NICHT im Mondlicht landen.“
Piloten werden wissen, ob dies der Realität entspricht. Im Sinne einer religiös-spirituellen Interpretation heißt es jedoch: Eine andere, indirekte „Erleuchtung“ trägt nicht in einer existentiellen Grenzsituation. Sie reicht nicht aus. Allenfalls ist sie nur ein schwacher Ersatz, letztlich zu schwach, um tatsächliche Sicherheit zu bieten.
Mut zum Handeln
Was also tun? Wer will, findet in „747 (Strangers In The Night)“ eine Lösung. Peter „Biff“ Byford singt:
„Nimm Kurs in die Nacht!“
Die Situation ist denkbar ungünstig: kein Licht, kein Funk, kaum noch Treibstoff. Abzuwarten und nichts zu tun bedeutet den sicheren Absturz – es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Tanks leer sind. In dieser Situation entschließt sich jemand zu handeln, den Sprung ins Ungewisse zu wagen, blind darauf zu vertrauen, dass die eigenen Instrumente an Bord richtig funktionieren. Peter „Biff“ Byford singt also diesen kleinen, aber entscheidenden Satz:
„Nimm Kurs in die Nacht!“
Appell an uns Hörer
Der Song lässt offen, von wem der Entschluss zum Handeln stammt. Genau das aber nimmt uns Hörer des Songs in die Pflicht, zu fragen: Wie reagiere ich, wenn in meinem Leben in der einen oder anderen Situation die Lichter ausgehen? Warte ich darauf, dass die gewohnte Orientierung wie von selbst zurückkehrt? Oder zögere ich und hoffe darauf, dass mir nach einer vielleicht schier unendlich langen Zeit irgendjemand die Entscheidung abnimmt? Und falls ich mich doch dazu durchringe, die Entscheidung selbst in die Hand zu nehmen: Wie gut sind mein eigener „innerer Kompass“ und mein Gottvertrauen, um trotz einer existentiellen Bedrohung am Ende sicher zu landen und mich wieder geborgen zu fühlen?
Jede Menge Fragen, die beim Hörer eigene, persönliche Antworten geradezu herausfordern.
Saxon – „747 (Strangers In The Night)“
Der bei Classic Rock Radio gesendete Beitrag ist eine Kurzfassung dieses Textes.
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