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Blunt, James – Tastes Like Summer

„Tastes Like Summer“ von James Blunt hat auffällige Parallelen zu einer Geschichte, die jeder schon einmal gehört hat: Und zwar die Geschichte von der netten, alten Dame mit schlohweißem Haar, die hilfsbedürftig an der Kasse auftaucht, plötzlich und völlig unvermittelt ein Hackebeil aus der Handtasche zieht und dabei sehr bedrohlich und gefährlich aussieht. Und man selbst guckt wie erstarrt, steht irgendwie daneben und kann es einfach nicht glauben. Weil etwas ganz Normales, Harmloses plötzlich zu einem Albtraum oder Horrortrip wird.

Lovesong voller Gefühl und Poesie

So oder ähnlich dürfte es vielen Hörerinnen und Hörern ergehen, wenn sie „Tastes Like Summer“ von James Blunt hören… und dann zum ersten Mal aufmerksam den dazugehörigen Videoclip anschauen: Man guckt wie erstarrt, steht daneben und kann es einfach nicht glauben.

„Tastes Like Summer“ hinterlässt zu Beginn denselben Eindruck, den alle Songs von James Blunt hinterlassen: authentisch, voller Aufrichtigkeit, voller Gefühl. Und voller poetischer Bilder. Genau deshalb klingt „Tastes Like Summer“ auch nach einem klassischem Sommersong – zumindest auf den ersten Blick. James Blunt singt:

Tastes Like Summer – Textprobe

„Hey, wir sind wieder ganz allein.
Es ist, als wäre ich wieder im Jahr 2010.
Gott, ich erinnere mich an dieses Gefühl.
Bleib noch ein bisschen länger, wenn du kannst.
Ich weiß, du musst zurück.
Aber ich sehe etwas Trauriges in deinen Augen.
Denn sie leuchten wie die Sterne in der Nacht.“

In diesen Zeilen stecken Vertrautheit, gemeinsame Erinnerungen und eine Menge Harmonie. Genau die aber ist getrübt: Denn die Augen der Geliebten leuchten zwar wie Sterne. Trotzdem ist in ihnen etwas Trauriges.

Die Bedeutung der Sterne

James Blunt gilt als akribischer Texter, der nur selten etwas dem Zufall überlässt. Nahezu jedes Wort hat eine Funktion, um Blunts spezielle poetische Bilder entstehen zu lassen und besonders wirkmächtig zu machen. Das gilt auch für die Metapher der Augen, die wie Sterne leuchten: In der biblischen Schöpfungserzählung sind die Sterne die „Lichter am Firmament“ (Gen 1,16); sie und der Mond bringen nachts ein wenig Licht ins ansonsten undurchdringliche Dunkel.

Schöpfung und Vertrauen

Vor allem aber symbolisieren Sterne die Unendlichkeit von Gottes Schöpfung: Wenn Gott Abraham auffordert, die Sterne zu zählen, um daran die Größe seiner Nachkommenschaft abzulesen (Gen 15,5) – ist dies im biblischen Kontext eine Glückszusage an den zu diesem Zeitpunkt kinderlosen alten Mann. Denn in biblischen Zeiten sind Nachkommen nicht nur eine Ehre, sondern auch, ganz praktisch, so etwas wie eine Renten- und Altersversicherung.

Gott kennt alle Sterne beim Namen

Dass Gott sogar alle Sterne beim Namen kennt (Psalm 147,4), ist eine biblische Metapher dafür, dass Gott jeden einzelnen Menschen wahrnimmt und liebt.
In anderen antiken Kulturen und Religionen (Babylon, Ägypten) galten die Sterne vielfach als mächtige Götter, die entsprechend verehrt wurden. In den biblischen Texten haben sie kein Eigenleben, stehen lediglich im Dienst der Schöpfung. Deshalb sind sie nach biblischen Verständnis nicht nur fern, sondern auch gleichgültig gegenüber dem, was einzelnen Menschen passiert.

Erhöhung der Geliebten ins Himmlische

Egal, welches Bild auch immer bei der Verwendung der Sternenmetapher mitschwingt: So oder so erhält in „Tastes Like Summer“ die „kleine“ romantische Geste eine kosmische Dimension: Die geliebte Person hat etwas Himmlisches, unglaublich Großartiges, Unvergängliches. Und Unerreichbares.

Wachsende Bedrohung

Dieses freundliche Grundschema setzt sich im Refrain fort. Trotzdem deutet sich in ihm auch etwas Anderes, Bedrohliches an, wenn es heißt:

„Deine Haut schmeckt nach Sommer
und ich verliere die Kontrolle.
Jetzt explodiert die Dunkelheit in deinen Farben
und ich kann dich nicht loslassen.
Es gibt keine Rettung für uns!“

Schrittweise zum „großen Knall“

Das klingt nach Sinnlichkeit und Begehren; der Körper wird zu einer Erfahrung und zu einer Metapher für das gesamte Gefühl. Doch im Gegensatz zu vielen anderen Songs ist in „Tastes Like Summer“ das Loslassen kein Akt der Hingabe und erfolgt nicht freiwillig. Das Loslassen ist erzwungen, ist Zeichen des Zerfalls und vor allem von Kontrollverlust: Man hat es nicht mehr selbst in der Hand. Das klingt nicht nur bedrohlich, sondern führt auch direkt in die Explosion, in die Katastrophe: Übertragen ausgedrückt kommt es „zum großen Knall“. Unaufhaltsam. Eine Rettung, ein kurzfristiges Umbiegen der Situation scheint unmöglich zu sein.

Bild des Untergangs

Während die Musik noch warm klingt, geht der Text noch einen Schritt weiter:

„Verloren, wir sind beide so gefährlich verloren.
Zwei Körper, die wie ein Stein fallen
und darauf warten, dass uns jemand findet.“

Das Fallen ist ein Bild des Untergangs: Die beiden Körper fallen ungebremst ins Bodenlose, ins Nichts, aus dem es ohne Hilfe kein Zurück gibt. Das kann niemand wollen. Folgerichtig singt James Blunt:

„Ich will nie, dass du das Licht ausmachst,
will nie, dass du deine Augen schließt.
Ich wollte dich heute Nacht nur sehen
um zu sagen, um zu sagen, um zu sagen…“

Aufschub oder Sprachlosigkeit?

Klar, ein retardierendes Moment, ein Aufschub, bevor Blunt das wiederholt, was wir bereits wissen, nämlich wie die Haut schmeckt. Kann sein. Kann aber auch sein, dass Blunt hier bewusst den Eindruck vermitteln will, als wolle er sprechen (resp. singen), sei aber nicht in der Lage dazu. Ein Stammeln, weil die Worte (vorerst) nicht ausreichen, nicht mehr tragen. Wie das eben so ist, wenn man vor dem Scherbenhaufen einer intensiven Beziehung steht und nichts anderes tun kann, als das Scheitern zu bestaunen.

Die Botschaft zwischen den Zeilen

Die eigentliche Botschaft des Songs steckt zwischen den Zeilen: Vergänglichkeit lässt sich nicht wegküssen. Wer wirklich lieben will, sollte sein Gegenüber nicht durch die Brille eines schönen Sonnenuntergangs sehen, sondern im Hier und Jetzt. Denn Urlaubsstimmung hat mit der Realität des Alltags nichts zu tun.

Aber jetzt: Die Dame mit dem Hackebeil

Dies wäre der Moment, an dem der Text enden könnte. Wenn es nicht das Video zum Song gäbe. In ihm hat nämlich die eingangs angesprochene ältere, freundliche Dame, die plötzlich und unerwartet ihr Hackebeil aus der Handtasche zieht, bildlich ihren großen Auftritt. Dadurch kippt der Song schlagartig von einer Sommerromanze zu einem Horrorfilm, wie gemacht von der US-amerikanischen Produktionsgesellschaft A24: keine billigen Schreckmomente, sondern eine tiefe, langsam wachsende Beunruhigung und schleichend ansteigender psychologischer Terror.

Von der Romanze zum A24-Horrorfilm

Denn der Videoclip lenkt die Kulisse von Sommer, körperlichem Begehren und Romantik in eine unerwartete Richtung und macht sie zum Hintergrund einer Geschichte, die anders endet als ein üblicher Ferienflirt: James Blunt zeigt sich bei einem Dinner – völlig unerwartet – für nur eine Person. Schlagartig offenbart sich die doppelte Bedeutung der Refrainzeile „Deine Haut schmeckt nach Sommer.“

Lieber nichts Genaues…

Vorsichtshalber möchte man gar nicht wissen, was wohl genau auf der Speisekarte steht und wie wörtlich der „Geschmack des Sommers“ zu verstehen ist. Ein Mehr an Erklärung würde nämlich dem schwarzen Humor schaden. Ein schwarzer Humor, wie er selbst bei Monty Python nicht schwärzer zu finden ist.
Ganz, ganz großes Kino!

James Blunt – „Tastes Like Summer“

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Der bei Classic Rock Radio gesendete Beitrag ist eine Kurzfassung dieses Textes.

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