Lindenberg, Udo – Interview mit Gott
Udo Lindenberg führt ein „Interview mit Gott“ – angesichts von Leid, Not, Kriegen und Ungerechtigkeiten in der Welt würde das vermutlich manch einer gern einmal tun. Udo Lindenberg hat es 2008 getan – herausgekommen sind bekannte Fragen. Und eine überraschende Antwort.
Lindenbergs starkes Comeback
„Interview mit Gott“ – dieser Song ging ein wenig unter, als Udo Lindenberg im Frühjahr 2008 sein großartiges Comeback-Album „Stark wie Zwei“ veröffentlichte. Zu stark traf vor allem die Selbstbefreiungshymne „Mein Ding“ den Nerv der Zeit. „Wenn du durchhängst“, „Der Greis ist heiß“, natürlich der Titelsong „Stark wie Zwei“, dazu die Features „Ganz anders“ mit Jan Delay und „Der Deal“ mit Silbermond zeigten eindeutig: Nach zuletzt einigen eher schwächeren Alben, wirtschaftlich und persönlich schwierigen Zeiten war Udo wieder da. Und wie! Wie? Na ja, vielleicht wie der sagenumwobene Phoenix aus der Asche: Irgendwie unkaputtbar. Da fiel ein Song, der schon vom Titel her ungewohnt fromm klang und mit dem lieben Gott zu tun hatte, tatsächlich hinten runter.
Die Topempfehlung: Besuch im UNDOVERSUM
Zum 80. Geburtstag von Udo Lindenberg entführt das Hamburger Stilwerk über eine bemerkenswerte Multimedia-Ausstellung in das Universum des bekanntesten Deutschrockers, ins „UDOVERSUM“. Videos, von Lindenberg gemalte Bilder, ein spezieller, die Ausstellung begleitender Audioguide mit vielen bekannten und manchen unbekannten Details aus dem Leben des Musikers ziehen schnell in einen Bann. Großartig, auch für Kenner des „lindischen Schaffens“.
Lindenberg und die Religion
Wer sich im „UDOVERSUM“ auf die Spuren begibt, die 80 Jahre Udo Lindenberg hinterlassen haben, stellt schnell fest: Religion spielte bei dem Mann aus dem westfälischen Gronau schon immer eine wichtige Rolle. Evangelisch getauft war er als Kind und Jugendlicher Mitglied einer Pfadfindergruppe. Und auch wenn der prominente Bewohner des Hotels Atlantic mit der Kirche als übergreifender Institution nichts am Hut hat, so beschäftigt er sich doch mit religiösen Themen und engagiert sich für kirchliche Einrichtungen.
Bezugspersonen für Gott und die Welt
Lindenbergs langjähriger Privatsekretär Erwin Hilbert, ein Mann, der gemeinhin als fromm gilt, half Udo nicht nur bei seinen ersten Schritten als – mittlerweile sehr erfolgreicher – Maler, sondern inspirierte den umtriebigen Sänger auch bei religiösen Themen. Und auch Kiez-Pfarrer Karl Schultz gehört zum engeren Freundeskreis des Musikers. Gemeinsam tauschen sie sich über Gott und die Welt, über Glauben und Leben aus. Irgendwie selbstverständlich, dass das Vorwort zu Schultzens Buch „Zwischen Kirche und Kiez – Ansichten eines Pfarrers“ mit einem Vorwort Lindenbergs beginnt.
Die Weihnachtsgeschichte nach Udo
2011 veröffentlicht „Uns Udo“ den Text der biblischen Weihnachtserzählung – allerdings nicht in der Originalfassung der Evangelisten Matthäus und Lukas, sondern eben „frei nach Udo“. Die Idee dazu liefert sein langjähriger Kollege und Pianist Gottfried Böttger, der – wie Lindenberg auch – auf die Gage verzichtet, damit sämtliche Erlöse in die Restaurierung der Kirchenorgel der Gemeinde St. Ansgar fließen können.
Udos 10 Gebote
2017 präsentiert Pfarrer Schultz in „seiner“ katholischen Kiez-Kirche St. Joseph (Große Freiheit, St. Pauli) als erster Lindenbergs Kunstreihe „Udos 10 Gebote“. Wie man schon ahnt: Die göttlichen Angebote für ein harmonisches Zusammenleben stellt Lindenberg in seinen Likörellen ein wenig anders da, als sie die Bibel gemeinhin assoziieren lässt. Auch abzulesen daran, dass der historische Moses, der die Gebote von Gott empfing, weitaus weniger Ähnlichkeit mit Udo haben dürfte als die Person in Lindenberg Gemälde… Die 10 Gebote gegen den Strich gebürstet – das lädt gänzlich unpathetisch zum Hängenbleiben und Nachdenken ein.
Udos 10 Gebote als Wanderausstellung
Schnell wird die Ausstellung zu einer Wanderausstellung: Noch im selben Jahr, also 2017, übernimmt das katholische Bonifatiuswerk die Bilderserie für das Libori-Fest in Paderborn – das vielleicht größte katholische Volksfest in unserem Land. Ausstellungen während des Katholikentags in Münster im Mai 2018 sowie in der St. Severi-Kirche in Erfurt im Frühjahr 2024 folgen. Dass die Erlöse der Kirchen-Ausstellungen in Spenden an ein Frauenhaus in Hamburg und eine Mutter-Kind-Einrichtung in Thüringen flossen, versteht sich da fast von selbst. Und weil das Ganze wirklich nicht nur ein köstlicher Spaß ist, sondern auch ein Anlass, in sich zu gehen und über Werk und Vorlage nachzudenken, noch einmal der Hinweis auf das „UDOVERSUM“ in Hamburg.
Udos Glasbild für das Bonifatiuswerk
Stichwort Bonifatiuswerk: Seit Sommer 2023 ziert die Westfassade des Paderborner Bonifatiushauses ein Glasbild hergestellt nach einer Vorlage von – Sie ahnen es schon – Udo Lindenberg. Der „verewigt“ das zehnte Gebot „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus, Hof, Vieh und alles, was sein ist“ einmal mehr auf typisch „lindische Art und Weise“.
Respekt – für Bischof Nikolaus
Weil der Weihnachtsmann nun einmal eine werbewirksame Erfindung des Coca Cola-Konzerns ist, der die eigentliche Vorlage, Bischof Nikolaus, immer mehr aus dem kollektiven Bewusstsein verdrängt, engagiert sich das Bonifatiuswerk für eine „Weihnachtsmannfreie Zone“. 2020 unterstützt Udo Lindenberg diese Aktion, indem er für das Bonifatiuswerk den heiligen Nikolaus als Rockstar mit E-Gitarre malt. Das gemeinsame Ziel von christlichem Hilfswerk und Musiker: Werte wie Respekt und Nächstenliebe verstärken.
Lindenbergs weiteres soziales Engagement
Zumindest noch kurz erwähnt seien die Udo Lindenberg Stiftung, die Trinkwasser- und Bildungsprojekte in Afrika fördert, Udos Engagement für UNICEF, mit der er Flüchtlingskinder in Bangladesch unterstützt und, ganz praktisch, Udo als „Blutsbruder“: Für das Universitätsklinikum in Hamburg Eppendorf animiert der Rockmusiker regelmäßig zum Blutspenden.
Gerücht Priesterseminar Fulda
Einen haben wir noch: Vor rund 20 Jahren soll einmal ein junger Mann am Priesterseminar in Fulda vorstellig geworden sein. Berufswunsch: Priester. Ein Empfehlungsschreiben seines Arbeitgebers brachte er gleich mit. Unterzeichnet mit „Halleluja! Udo Lindenberg“. Natürlich alles nur ein Gerücht! Oder? Aber wenn, dann ein Liebenswertes.
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Interview mit Gott – eine bissige Satire
Mit all diesem Wissen um Lindenberg und Religion erscheint Udo Lindenbergs „Interview mit Gott“ gar nicht mehr so abwegig. Natürlich fiktiv, natürlich, wie „Udos 10 Gebote“ gegen den Strich gebürstet und natürlich aus der subjektiven Sicht von Udo Lindenberg. Deshalb ist schon die Anmutung des Songs die einer bissigen Satire: Angekündigt zur besten Sendezeit folgt das Interview… nach einem Werbeblock. Selbst spirituelle Fragen, so die spürbare Kritik Lindenbergs, verkommen heute zur Unterhaltung.
Gott – warum lässt du Leid zu?
Auch wenn es um so ernste Themen das Leid in der Welt (Theodizee) geht und um die immer wieder gestellte Frage: Wenn Gott Gut und allmächtig ist – warum gibt es dann überhaupt Elend, Not und den qualvollen Tod Unschuldiger?
Im Blick hat Lindenberg natürlich die Kriegsschauplätze der damaligen Zeit. Aber jede aktuelle kriegerische Auseinandersetzung könnte an ihrer Stelle stehen. Das macht diesen Song so zeitlos. Zumal es erst einmal keine Antworten gibt. Denn: Durch diese Kriege – Lindenberg singt vom Sudan – sterben Menschen. Die vielbeschworenen Schutzengel? Fehlanzeige! Es wirke so, als sei Gott das Leid der Menschen egal.
Gottes gute Welt in der Hand von uns Menschen
In seinem Interview mit Gott lässt Lindenberg „seine Herrlichkeit“, wie er singt, ähnlich agieren, wie das viele Politiker so tun: mit Ausflüchten. Gott zu sein, sei ein harter Job; da habe man nicht Zeit für alles. Und während wir Hörer noch nicken – ja, so kennen wir das schließlich – , bekommt der Song eine gänzlich andere Richtung. Lindenberg singt aus der Sicht Gottes: Die Grundlage, die er geschaffen habe, sei eine gute Welt. Es sind die Menschen, die Unheil über die Welt bringen. Das Stichwort „Waffen“ steht in „Interview mit Gott“ pars pro toto für alles, was Menschen an Bösartigkeiten ersinnen und durchführen. Gott habe, so der Song weiter, eine Reihe von Beratern geschickt.
Interview mit Gott: „Gottes Boten“ überhört
Exemplarisch singt Lindenberg von Friedensstiftern wie Jesus und Gandhi, klugen Denkern wie Einstein und Kirchenführern wie den jeweiligen Papst. (Wobei Lindenberg beim Papst ja nun seine eigene, sehr spezielle Meinung hat.) Aber deren Botschaften würden immer wieder ignoriert. Das resignierte Fazit:
„Es nützt ja nix! Was hat’s gebracht?
Ihr seid immer noch die alten Idioten!“
Und kurze Zeit später folgt:
„Ja, wenn der Mensch nicht weiter weiß,
dann macht er mir den Himmel heiß.
Doch es nützt kein beichten,
nee, es nützt kein beten.
Kümmert euch jetzt mal selber um euern Planeten.“
Nicht zum Himmel schreien, sondern selbst anpacken
Spätestens jetzt werden sich fromme Menschen an Lindenbergs Ausführungen stoßen: Sündenvergebung und Gebet gelten als die Grundlagen für ein harmonisches, friedliches Leben. Doch darum geht es überhaupt nicht. Udo Lindenberg will in „Interview mit Gott“ lediglich deutlich machen: Wenn Menschen in dieser Welt Dinge zum Guten verändern wollen, müssen sie nicht bei Hilferufen zum Himmel beginnen, sondern bei sich selbst.
Schon im 14. Jahrhundert bringt ein Gebet von einem unbekannten Verfasser diese Grundhaltung folgendermaßen auf den Punkt:
„Ich habe keine anderen Hände als die euren!“ (Später findet sich dieses Zitat ähnlich auch bei Dorothee Sölle.)
Und sogar schon in der Antike galt der Rat:
„Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott!“
Interview mit Gott: Kein Platz für theologische Spitzfindigkeiten
Auch hier werden sich Theologen möglicherweise stoßen. Denn aus christlicher Sicht liebt Gott bedingungslos. Das heißt: Es gibt keine Grundbedingung, keine menschliche Eigenleistung keine Grundbedingung für die hilfreiche Gnade Gottes. Im Gegenteil: Gott, so die Lehre, hilft gerade denjenigen, die nicht (mehr) in der Lage sind, sich selbst zu helfen.
„Interview mit Gott“ ist jedoch fern aller theologischer Feinheiten. Wichtig ist ausschließlich der Gedanke, dass Menschen ihrer Verantwortung nicht nachkommen und anschließend Gott als Sündenbock herhalten lassen. Die eigentliche Kritik des Songs richtet sich also nicht an Gott, sondern an die Menschen, die sich weigern, Verantwortung zu übernehmen.
Interview mit Gott – Spiegel für uns Menschen
Insofern handelt es sich zwar im wahrsten Sinne des Titels um ein „Interview mit Gott“. Allerdings hält Lindenberg damit uns, seinen Zeitgenossen, den Spiegel vor: Sicherlich gibt es Situationen, die viel zu groß sind, als dass wir sie ändern könnten. Dennoch ist jeder Mensch aufgefordert, in seinem Umfeld Verantwortung zu übernehmen: für sich selbst, für seine Familie, für Nachbarinnen und Nachbarn, Kolleginnen und Kollegen. Für jeden, der gerade Hilfe benötigt. Und ganz nebenbei präsentiert Udo Lindenberg damit den Kerngedanken des Christentums: nicht nur Gott zu ehren, sondern auch den Nächsten – den Menschen, der Hilfe benötigt.
Udo Lindenberg – „Interview mit Gott!
Der bei Classic Rock Radio gesendete Beitrag ist eine Kurzfassung dieses Textes.
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