Swims, Teddy – Mr. Know It All
Manch einer kennt das: das Gefühl, in eine Kristallkugel zu blicken und genau zu wissen, was als Nächstes kommt. Die aufziehenden Probleme sind klar. Ebenso klar ist, wie die Geschichte enden wird: unangenehm! Trotzdem schafft man es nicht, irgendetwas dagegen zu tun.
Alleswisser
Genau darüber singt Teddy Swims in „Mr. Know It All“:
„Sie mag die Tiefen, sie mag die Höhen.
Ich hab das schon viel zu oft gesehen.
Geronimo, sie kommt vorbei.
Eine Weggabelung, mein Schicksal.
Ich kann nicht so tun, als würde ich mich nicht auf den Sturm vorbereiten,
und dann dem Himmel die Schuld geben.
Ich weiß, ich bin verdammt, wenn ich es tue,
und verdammt, wenn ich es nicht tue.
Wo auch immer ich lande, es ist nie eine Überraschung.“
Eigener Anteil am Scheitern einer Beziehung
Rau und verletzlich singt Teddy Swims über „Mr. Know It All“, über den, der alles schon vorher weiß. Selten formuliert dabei ein Popsong die eigene Rolle beim Scheitern einer Beziehung so direkt. Selten beschreibt ein Song so deutlich die Erkenntnis, sich selbst im Wege zu stehen. Und vermutlich noch seltener nimmt ein Song Bezug auf die Bibel, den Zweiten Weltkrieg und eine berühmte soziologische Theorie.
Gewogen und für zu leicht befunden
Die Textzeile
„Ich sehe die Zukunft, als stünde sie an der Wand geschrieben“,
verweist auf das Buch Daniel in der Bibel (Dan 5,5 ff.): Dort sieht König Belsazar eine Hand, die etwas an eine Wand schreibt – und zwar Belsazars eigenen Untergang. Der König versteht dies als göttlich verordnetes, unabwendbares Schicksal. Dagegen kann er sich nicht auflehnen, versucht es auch gar nicht. Die bittere Ironie dieses Schicksals: Das Wissen über das Unvermeidliche nützt Belsazar gar nichts. Im Gegenteil: dass er zum ohnmächtigen Zuschauer seines eigenen Verhängnisses wird, macht die ganze Situation noch qualvoller. Oder anders formuliert: Wer das Ende kennt und Schritt für Schritt erlebt, wie er weiter auf dieses Ende zugeht, der leidet noch schlimmer.
Geronimo, Häuptling der Apachen
Benannt wird im Text der historisch im 19. Jahrhundert verortbare Apachenhäuptling „Geronimo“. Der kämpfte gegen mexikanische und US-amerikanische Truppen kämpfte – auch dann noch, wenn eine Schlacht schon deutlich verloren war. So wurde Geronimo zum Symbol für Unbeugsamkeit und das Kämpfen bis zum bitteren Ende. Allein dieser „Kampf gegen das Verhängnis“ wäre auch in „Mr. Know It All“ eine passende Verbindung.
Parashooting
Jedoch noch näherliegender ist die metaphorische Verwendung des Häuptlingnamens im Zweiten Weltkrieg: US-amerikanische Fallschirmjäger riefen im Moment des Absprungs „Geronimo“, um anzuzeigen, dass sie sich in einer Phase der freiwilligen Gefahr befanden und sich soeben auf etwas Unbekanntes einließen. Ein Punkt der Entscheidung, hinter den man – einmal abgesprungen – nicht mehr zurückkehren kann. Das gilt auch im Song für die Begegnung mit der Frau, die plötzlich und unvorhersehbar erscheint: Die Begegnung erfolgt, ohne genau zu wissen, wie sicher die Landung sein wird. „Mr. Know It All“ sieht eine „unsanfte Landung“ voraus, kann aber nichts dagegen tun.
Selbsterfüllende Prophezeiung
Der Blick auf die Soziologie führt ins Jahr 1911: Damals verwendete der österreichische Wissenschaftstheoretiker Otto Neurath erstmals den Begriff der selbsterfüllenden Prophezeiung. Aus diesem Begriff entwickelte der US-amerikanische Soziologe Robert K. Merton 1948 eine umfangreiche Theorie. Ein Beispiel aus der damaligen Zeit: Das – ggf. völlig unwahre – Gerücht, eine Bank sei in Finanznot geraten, führt zu einem Bankensturm: Extrem viele Kunden wollen ihre Einlagen retten und wollen sich diese innerhalb kürzester Zeit in bar auszahlen lassen. Dies kann tatsächlich zu einem Zusammenbruch der eigentlich solide dastehenden Bank führen. (Hinweis: Privateinlagen sind in der EU i.d.R. durch gesetzliche und freiwillige Einlagensicherungen gut geschützt. Sie wären daher i.d.R. von einem Bankensturm nicht betroffen, obwohl der heute in Sekundenschnelle digital sogar ein Sekundenschnelle erfolgen könnte.)
Selbstzerstörende Prophezeiung
Merton fügte seiner Theorie jedoch auch noch das Gegenteil hinzu, nämlich die selbstzerstörende Prophezeiung, also einer Prophezeiung, die sich durch geschickte Gegenmaßnahmen nicht bewahrheitet. Wiederum ein Beispiel: Reagieren Behörden und Zivilpersonen bei einer Katastrophenwarnung schnell und richtig, fallen die Schäden deutlich geringer aus als ursprünglich prognostiziert. Die Prophezeiung scheint auf den ersten Blick falsch gewesen zu sein. Soziologisch betrachtet war sie jedoch äußerst wirksam: Denn sie führte zu geeigneten Gegenmaßnahmen, die den „absehbaren Verlauf der Geschichte“ verändern konnten.
Selbstzerstörung
Obwohl „Mr. Know It All“ eine drohende Zukunft zu wissen scheint, unternimmt er nichts dagegen. Auch nicht, als er erkennt, dass dies in die Selbstzerstörung führt. Swims singt:
„Ich ziehe Dominosteine aus einer Kaffeedose,
stelle sie auf und sehe zu, wie sie fallen.
Das mache ich immer wieder.
(Das Ergebnis:) wie ein Tennisball, der durch einen Deckenventilator (geflogen ist).“
In Mustern zu verharren ist tödlich
Womit Swims sagt: In Beziehungen immer wieder dieselben Fehler zu machen und in seinen Lebensmustern zu verharren, gleicht einem Ritual der Selbstzerstörung, das sich ständig wiederholt. Gleichzeitig ist es Ausdruck der menschlichen Ohnmacht gegenüber chaotischen Kräften. Denn eigentlich will man nur spielen, wird aber – wie ein Tennisball, der in einen Deckenventilator gerät – völlig zerrissen.
Der Protagonist des Songs weiß um sein Problem und kennt die Wahrheit. Jedoch ist er nicht in der Lage, sich zu ändern, obwohl er genau weiß, was auf ihn zukommt. So bleibt er in einer sich wiederholenden Endlosschleife gefangen, ein Dauerzustand des persönlichen Leids. Seine vermeintlich „Alleswissen“ ist keine Wohltat, sondern raubt ihm letztlich den Frieden.
Flucht in die Unwissenheit
Konsequent heißt es im Song:
„Ich wünschte, ich wäre nicht dieser Alleswisser!“
Denn wäre er ahnungslos, dann wäre er glücklicher. Vielleicht.
Letztlich beschreibt „Mr. Know It All“ ein Dilemma: Wer glaubt, schon zu wissen, wie es ausgeht, geht automatisch auf Distanz. Genau das aber trägt dazu bei, dass die Beziehung scheitert, so Teddy Swims. Auch das Gegenteil ist problematisch Denn wer aus Angst alles kontrolliert, damit nichts passiert, nimmt einer Beziehung die notwendige Luft zum Atmen, so dass sie erstickt.
Drei Lehren
Die Botschaft des Songs lässt sich zu drei Regeln zusammenfassen:
• Es reicht nicht, etwas lediglich zu wissen. Ohne entsprechendes Handeln verändert sich nichts. Erkenntnis ohne Veränderung führt nur zu Problemen und Leid.
• Zu viel Kontrolle schadet. Wer versucht, jedes mögliche Ereignis zu steuern, erstickt letztlich die Freiheit sich selbst gegenüber und auch gegenüber dem Partner oder der Partnerin. Ungewissen und ein Miteinander ohne Kontrolle, also Vertrauen, sind wesentliche Bestandteile von Liebe.
• Wer entdeckt, dass er immer wieder in dieselben Muster verfällt, hat überhaupt nur eine Chance, diesen Kreislauf zu durchbrechen, wenn er handelt. Untätig zu bleiben und lediglich immer wieder zu sagen, dass man das schon vorher so habe kommen sehen, bewirkt gar nichts, zumindest keine Durchbrechung von Mustern.
Vertrauen statt Kontrolle = Überraschung
Oder anders gewendet: Lebe mehr und bewusst voller Vertrauen im jeweiligen Moment, als dich darauf zu konzentrieren, ein vielleicht unliebsames Ende abzuwenden. Wer kontrollieren will, verliert genau das, wovon Liebe lebt. Die braucht nämlich Raum für Nicht-Vorhersehbares, für Überraschungen.
Teddy Swims – „Mr. Know It All“
Der bei Radio Salü gesendete Beitrag ist eine Kurzfassung dieses Textes.
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