Kelly, Iggi – Miracle
Angeblich gilt für das Schreiben von Texten: Selbst wenn eine Autorin oder ein Autor mit großartigen Worten über irgendeinen Sachverhalt oder Zustand schreibt, steckt in dem fertigen Text viel mehr. Denn ganz automatisch lassen uns Autorinnen und Autoren in ihren Geschichten und Erzählungen an ihrer Sicht der Dinge teilhaben und verraten dadurch jede Menge über sich selbst:
Welt durch die subjektive Brille
zum Beispiel über ihre Vorstellungen vom Leben, von der Gesellschaft, auch über die eigene Herkunft, über eventuelle Probleme, über Ziele und Pläne, ja, sogar über politische Einstellungen. Nüchtern betrachtet könnte man auch sagen: Autorinnen und Autoren schreiben über Gott und die Welt, wie sie sie durch ihre jeweils eigene Brille wahrnehmen. Und die Beschaffenheit genau dieser Brille zu erkunden, macht manch einen Text noch spannender, als er ohnehin schon ist.
Kelly Family 3.0
In besonderem Maße gilt dies für „Miracle“, eine Single von Iggi Kelly. Man muss gar nicht wissen, dass Iggi Enkel von Dan und Barbara-Ann Kelly ist – die Begründer der legendären Kelly Family. Man muss auch nicht wissen, dass die Kellys, aus dem katholisch geprägten Irland stammend, allesamt fromm und gottesfürchtig erzogen wurden. Es ist nicht einmal notwendig zu wissen, dass Iggis Mutter Patricia Kelly ist – eine Frau, die aus ihrer Religiosität keinen Hehl macht und neben vielen anderen auch gerne Konzerte in Kirchen gibt, in denen sie dann „so ganz nebenbei“ Zeugnis für ihren Glauben ablegt. Und dass Iggis Onkel Michael Patrick Kelly sechs lange Jahre in einem Kloster gelebt hat und bis heute immer wieder christliche Hilfswerke unterstützt – auch das muss man nicht wissen. Völlig unnötig ebenfalls, dass Maite, Jimmy, Angelo und Joey Kelly (um nur einige zu nennen) seine Tanten und Onkel sind.
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Ideen aus der Religion?
Es reicht völlig aus, den Song „Miracle“ von Iggi Kelly zu hören. Und sich ein bisschen mit Bibel und Religion im Allgemeinen auszukennen. Denn dann wird am deutlichsten, aus welchem Füllhorn Iggi schöpft, woher er die Ideen für die vielen sprachlichen Bilder in seinen gesungenen Geschichten nimmt. Denn in diesem Song steckt weitaus mehr, als die fröhliche, sommerlich-leichte Melodie auf den ersten Blick vermuten lässt.
Iggi Kelly: Miracle
In „Miracle“ singt Iggi Kelly:
„Du entführst mich an unbekannte Orte,
zeigst mir Liebe durch eine offene Tür.
Du nimmst all den Wahnsinn
und verwandelst ihn in etwas Wunderschönes.
Du hast mich wieder glauben lassen.
Ich dachte, ich hätte dieses Gefühl verloren
Es war größer, als ich mir vorstellen konnte.
Es ist geheimnisvoll.
Ich möchte nirgendwo sonst sein.“
Übergroßes Staunen
Wer besonders nüchtern interpretieren möchte, kommt schnell zu dem Ergebnis: Jemand, der schon gar nicht mehr mit Liebe gerechnet hat, findet sie am Ende doch. Happy End! Fertig, Kiste zu, erledigt. Passt sogar. Aber bei dieser schnellen Interpretation bleiben die vielen herrlichen Bilder des Songs völlig auf der Strecke. Die aber haben es in sich. Denn sie vermitteln vor allem das übergroße Staunen desjenigen, der unverhofft seine große Liebe gefunden hat. Und die große Hoffnung, die daraus jeder für sich selbst ableiten kann.
Harmonie statt Tohu wa-bohu
Keine Frage: Wer verliebt ist und merkt, dass er geliebt wird, bei dem beruhigt sich das große Gefühlschaos. Der ganze bisherige innere Wahnsinn verwandelt sich in etwas Schönes und Harmonisches. Bibelfeste Hörerinnen und Hörer merken schnell: Mit sehr ähnlichen Worten beginnt die Bibel – und zwar buchstäblich am Anfang, gleichsam als Grundlage aller weiteren Kapitel der Beziehung zwischen Gott und Mensch: Anfangs herrscht da nämlich das große Chaos. Dann greift der Geist Gottes ein und führt diese Unordnung Schritt für Schritt zur Ordnung, macht aus dem Durcheinander, dem biblischen „Tohu wa-bohu“, etwas Geordnetes, Wunderschönes und Harmonisches. Von der biblischen Schöpfungserzählung hin zum Liebeslied ist es gedanklich nur ein kleiner Schritt: Ordnung im (Gefühls-) Leben eines geliebten Menschen zu schaffen, hat immer auch etwas mit Liebe und Zuwendung zu tun.
Viele religiöse Vokabeln
Ob absichtlich oder aber weil es seinem persönlichen Lebensgefühl entspricht: Iggi Kelly verwendet in seinem Song ein Vokabular, das ursprünglich aus dem Bereich der Religion stammt. Dazu gehören Begriffe wie Wunder, Himmel, Ritual und die Vorstellung, dass, wenn die Chemie stimmt, dies zur Ekstase führt.
Ein paar Beispiele: In der berühmten „Bergpredigt“ Jesu heißt es:
„Bittet, dann wird euch gegeben;
sucht, dann werdet ihr finden;
klopft an, dann wird euch geöffnet.“ (Mt 7,7).
Liebenden stehen alle Türen offen
Für Iggi Kelly scheint das selbstverständlich zu sein. Er geht sogar noch einen Schritt weiter: Liebe führt dazu, dass die Türen bereits offenstehen; derjenige, der liebt, muss nicht einmal mehr darum bitten, dass sie geöffnet werden. Er muss „nur noch“ hindurchgehen.
Den Verstand weggeblasen
Besonders dicht wird die religiöse Bildsprache im Refrain: Wenn Iggi hier von einem Wunder singt, dann ist damit nicht der geliebte Mensch gemeint, der zum Wunder wird, also das Wunder selbst darstellt. In „Miracle“ wird der eigene Verstand in einem positiven Sinn regelrecht weggeblasen, eben auf wunderbare Weise in einen bis dahin unbekannten Zustand entrückt. Was da genau passiert, lässt sich nicht erklären. Aber es geschieht. Und die Auswirkung ist so gewaltig, dass man sie für nicht möglich hält und sie eben als Wunder beschreibt. Im Song hört sich das so an:
„Du versetzt mich in Staunen wie ein Wunder:
Ich wandele zehn Fuß über dem Boden.
Deine Anziehungskraft berauscht mich so sehr
und lässt mich wie ein Ritual auf Wolken schweben.“
Auf Wolken wandeln
Zehn Fuß, also etwas mehr als drei Meter, über den Boden zu schweben – in der Alltagssprache kommen eine Reihe ähnlicher Umschreibungen vor, die allesamt das Verliebtsein meinen. Das bekannte „auf Wolken zu schweben“ findet sich auch in „Miracle“, wird in der Alltagssprache in seiner Ausdruckskraft allenfalls noch durch „auf Wolke sieben schweben“ minimal übertroffen.
Ekstase = Entrückung
Die ursprüngliche Bedeutung dieser Formulierungen ist beinahe verloren gegangen: Denn biblisch beschreiben derartige Formulierungen häufig jemanden, der in Ekstase gerät. Er verlässt den sicheren Boden der Realität, ist nicht mehr ganz in dieser Welt, lässt sich auf eine andere Dimension des Seins ein – was in der Bibel natürlich immer mit Bezug auf Gott geschieht. Folgerichtig finden sich auch ähnliche Formulierungen in den biblischen Texten über die Himmelfahrt Jesu, die das dauerhafte Verlassen weltlicher Dimensionen beschreiben.
Nichts Genaues weiß man nicht
Wer theologisch noch tiefer einsteigen will, sei auf das Zeugnis des Apostels Paulus verwiesen:
„Ich kenne einen Menschen in Christus, der vor vierzehn Jahren bis in den dritten Himmel entrückt wurde; ich weiß allerdings nicht, ob es mit dem Leib oder ohne den Leib geschah, nur Gott weiß es. Und ich weiß, dass dieser Mensch in das Paradies entrückt wurde; ob es mit dem Leib oder ohne den Leib geschah, weiß ich nicht, nur Gott weiß es. Er hörte unsagbare Worte, die ein Mensch nicht aussprechen darf.“ (2 Kor 12,2-4).
Um sich nicht mit diesem Erlebnis zu rühmen, schreibt Paulus in der dritten Person, obwohl er von sich selbst berichtet. Der „dritte Himmel“ spiegelt die damalige Vorstellung wider, dass der Himmel in mehrere Schichten unterteilt ist. Im „dritten Himmel“ befinden sich demnach das Paradies und der Aufenthaltsort Gottes.
In den Himmel fallen
Eines der stärksten Bilder im Song verliert durch die Übersetzung leider deutlich an Wirkung. Im Original singt Iggi Kelly:
„When I fall into you, I fall into heaven.“
Ins Deutsche übersetzt wird daraus ein eher plattes:
„Wenn ich mich in dich verliebe, lande ich im Himmel.“
Erst beim englischen Original wird deutlich, welch genialer Texter Iggi Kelly ist.
Durchs Fallen ankommen
Denn er nutzt gezielt das scheinbare Paradoxon vom Fallen und Ankommen: Wer fällt, müsste eigentlich stürzen, kann sich im schlimmsten Fall dabei verletzen. Ganz anders in „Miracle“: Wer sich als Verliebter fallenlässt, fällt direkt in den Himmel hinein. Wer sich fallen lässt, jegliche Ichbezogenheit aufgibt und sich bedingungslos auf einen anderen Menschen einlässt, findet so etwas wie Erfüllung. Kein Absturz ins Bodenlose, sondern ein Ankommen auf einem sicheren Grund, der trägt – möglicherweise ein ganzes Leben hindurch. Auch das ist religiöses Denken, das meint: Am Ende fällt der Gläubige in Gottes Hand.
“heaven“ vs. „sky“
Konsequent steht in diesem Zusammenhang im Englischen das Wort „heaven“: Das meint nämlich etwas Spirituelles, was vielfach auch als Wohnort Gottes gedeutet wird. „Sky“ hingegen beschreibt den physisch sichtbaren Himmel, in dem uns Wolken, Sonne, Vögel und Flugzeuge begegnen. Das „in den Himmel fallen“ bedeutet, bei einem geliebten Menschen anzukommen und damit auch bei sich selbst. Genau so hat die Mystik die Liebe seit Jahrhunderten verstanden: als Liebe zwischen Gott und Mensch, zwischen Gott und Seele.
Besserer Mensch durch Liebe
Wer so liebt, lebt in einer anderen Wirklichkeit. Im Song hört sich das so an:
„Ich lebe einen Tagtraum:
Er zeigt mir Farben, die ich noch nie gesehen habe!
Eine neue Zeit bricht an
und macht aus mir einen besseren Menschen.“
Liebe öffnet also Seiten der Wirklichkeit, die sonst verborgen blieben. Genau das aber verändert den, der liebt, und zwar nicht nur in einen anderen, sondern, wie Iggi singt, sogar in einen besseren Menschen.
Liebe als etwas Heiliges
Wer lediglich auf den Wortlaut achtet, wird „Miracle“ kaum als religiösen Song interpretieren. Versteht man aber die religiöse Grammatik und religiöse Bildsprache als Subtext, wird „Miracle“ zu einem Song darüber, dass Liebe zwischen zwei Menschen etwas Besonderes, vielleicht sogar Heiliges und auf Gott Bezogenes ist. So enthält der Song vielleicht ungewollt, vielleicht aber sogar absichtlich eine tiefreligiöse Dimension.
Irgendwann… Liebe und Wunder
Was auch immer man in diesen Song hineinliest – eines bleibt, nämlich die große Hoffnung, die aus „Miracle“ spricht: Auch wer gefühlt schier unendlich auf die große Liebe wartet, muss nicht resignieren. Die große Liebe kann immer noch kommen. Dann aber eröffnet sie ein Leben, das so ungewöhnliche und beeindruckende Facetten zeigt, wie man es nicht für möglich gehalten hätte. Eben ein Wunder.
Iggi Kelly – „Miracle“
→ Hier geht’s zum Song (Amazon)
Der bei Radio Salü gesendete Beitrag ist eine Kurzfassung dieses Textes.
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