Talking Heads – Creatures Of Love
Von den neun Songs des 1985er Albums der Talking Heads kam „Creatures Of Love“ dem Albumtitel „Little Creatures“ am nächsten – auch wenn „Creatures Of Love“ auf keiner der drei Singles aus diesem Album veröffentlicht wurde. Die Talking Heads – das waren Keyboarder Jerry Harrison, Bassistin Tina Weymouth, ihr Ehemann, der Schlagzeuger Chris Frantz, und natürlich der Sänger, Gitarrist und der eigentliche kreative Kopf der Band, David Byrne.
Neuer Sound als Programm
„Little Creatures“ war ein Wendepunkt in der Geschichte der Talking Heads. Ging es in ihren vorherigen Alben, musikalisch vor allem dem Alternative Rock zuzuordnen, hauptsächlich darum, sich immer wieder auf neue Weise als avantgardistisch zu zeigen, klangen die Talking Heads auf „Little Creatures“ plötzlich so sehr nach Pop, dass sich manch ein Fan erschrocken abwandte. Vielleicht war dieser Stilwechsel nötig, denn, wie Tina Weymouth schon vor der Veröffentlichung des Albums kommentierte, hatte die Band seit ihrer Gründung im Januar 1975 dermaßen viel experimentiert und Neues ausprobiert, dass niemand mehr wusste, was eigentlich noch „normal“ sei. Mit Ausnahme vielleicht von David Byrne, dem vollständigsten Künstler der Formation.
Cover vom Baptistenprediger
Byrne und Manager Gary Kurfirst ist es im Wesentlichen zu verdanken, dass für die Gestaltung des Albumcovers Howard Finster verpflichtet wurde: ein US-amerikanischer Baptistenprediger, der 1977 mit dem Malen begonnen hatte, weil er in einer göttlichen Vision den Auftrag erhalten zu haben glaubte, religiöse, heilige Kunst zu schaffen. Bis zu seinem Tod im Oktober 2001 sammelten sich mehr als sagenhafte 46.000 Kunstwerke an, allesamt durchnummeriert, ein Teil davon ausgestellt in einem eigens geschaffenen Skulpturenpark, dem Paradise Garden in Summerville, Georgia. Finsters Kunstwerke aus Holz, Metall und unterschiedlichen Alltagsgegenständen enthalten Zukunftsvisionen, ikonographische Anspielungen auf die Popkultur und vor allem: jede Menge Verweise auf die Bibel. 1984 gestaltete Finster das Albumcover zu „Reckoning“ von R.E.M., ein Jahr später das Cover von „Little Creatures“ der Talking Heads.
Der legendäre Eric Weissberg
Jetzt, 1985, also nicht nur der Bruch mit dem Alternative Rock, sondern auch noch ein Plattencover gestaltet von einem frommen Prediger – das ist Programm. Für „Creatures Of Love“ (und, ganz nebenbei bemerkt, „Walk It Down“) verstärkt sich die Band zudem mit dem Pedal-Steel-Gitarristen Eric Weissberg. Der gibt „Creatures Of Love“ alles mit, was dieser Song für den Sound benötigt, der Jahre später Americana genannt wird.
Unbedingt anhören oder ansehen: Dueling Banjos
Kurzer Exkurs zu Eric Weissberg: Der lieferte 1972 für den Film „Beim Sterben ist jeder der Erste“ (deutscher Alternativtitel: Flussfahrt; Original: Deliverance) für „Dueling Banjos“ die Studiofassung der Banjoparts – gespielt im Film von einem geistig beeinträchtigen Jungen namens Lonnie, dargestellt vom damals 15-jährigen Billy Redden. Ronny Cox, der im Film den Konterpart an der Gitarre selbst spielt, wurde für den Soundtrack wegen des perfekten Sounds durch Steve Mandell ersetzt. Weissberg und Mandell erhielten für „Dueling Banjos“ 1974 einen Grammy (Best Country Instrumental Performance). Unbedingt anhören!
Weissberg blieb den Talking Heads auch weiterhin verbunden: Zwei Alben nach „Little Creatures“ war er 1988 bei drei Songs des Talking-Heads-Albums „Naked“ erneut mit an Bord – vielfach in den Credits freilich mit falschem Namen: „Weisberg“.
Talking Heads: Creatures Of Love
Jetzt aber endlich zu „Creatures Of Love“. Selten hat es einen Song gegeben, der so distanziert von Sex handelt wie dieser. Und trotzdem singt David Byrne eindringlich wie eh und je:
„Eine Frau schuf einen Mann,
ein Mann baute ein Haus,
und wenn sie zusammenliegen,
kommen all diese kleinen Wesen zur Welt.
Nun, ich habe Sex gesehen und finde, das ist in Ordnung.
Er erweckt diese kleinen Wesen zum Leben.
Ich kann lachen oder mich abwenden.“
Humor und beißende Kritik
Das ist trockener Humor à la David Byrne und gleichzeitig beißende Kritik. Denn Byrne nimmt zum einen den amerikanischen Puritanismus aufs Korn, der über Jahrhunderte über Sex moralisch geurteilt hat (und dies zum Teil auch heute noch tut), gerade so als sei es ein Sachverhalt, der bürokratisch bewertet werden müsse.
Gleichzeitig geht der Song noch einen Schritt weiter: Er stellt nämlich die biblische Schöpfungserzählung auf den Kopf. In der Bibel erschafft Gott den Mann und danach die Frau (Gen 2,7-22). In „Creatures Of Love“ dagegen erschafft die Frau den Mann – eine augenzwinkernde Umkehrung, die gleichzeitig die biblische Erzählung auf den Kopf stellt.
Schöpfungsauftrag ernstnehmen
Völlig ernst nimmt der Song hingegen den Schöpfungsauftrag:
„Seid fruchtbar und mehrt euch“ (Gen 1,28a).
Die Provokation ist offensichtlich: In Teilen der christlichen Tradition wird das Geistige idealisiert, während der Körper und alles Materielle vielfach als sündig beschrieben wird. Fortpflanzung gilt demnach lediglich als Notlösung, Sex grundsätzlich als „Teil des Bösen“. „Little Creatures“ liefert den passenden Widerspruch: Aus körperlicher Liebe geht Leben hervor. Eine Assoziation mit der biblischen Formulierung
„Es war sehr gut“ (Gen 1,31)
drängt sich förmlich auf.
Byrne geht sogar noch einen Schritt weiter, wenn er singt:
„Aus dem Schlaf der Vernunft wird ein Leben geboren.
Wir sind Geschöpfe, Geschöpfe der Liebe.“
Anleihe bei Francisco de Goya
Damit nimmt David Byrne Bezug auf den spanischen Künstler Francisco de Goya. Der veröffentlichte 1799 in der Sammlung „Los Caprichos“ (etwa „Launen, Einfälle“) 80 Radierungen. Die 43. davon trägt den Titel „El sueño de la razón produce monstruos“, auf Deutsch: „Der Schlaf der Vernunft erzeugt Ungeheuer“. Das bedeutet (ganz im Sinne der Aufklärung): Wo der Verstand aussetzt, entstehen Ungeheuer oder Dämonen. In „Creatures Of Love“ wird daraus das Gegenteil: Da, wo die Vernunft schläft, entsteht neues Leben. Kinder als Geschöpfe der Liebe. Und damit etwas, das einem Wunder gleichkommt.
Fragen bis der Arzt kommt
Fast schon beiläufig berührt der Song auch die großen existentiellen Fragen, nämlich die Fragen nach dem Woher, Wohin und vor allem die Frage „Wer bin ich eigentlich“. Und das so intensiv, dass ärztliche Hilfe nötig wird. David Byrne singt:
„Doktor, Doktor, sag mir, was ich bin:
Bin ich einer dieser Menschen?
Nun, ich kann lachen oder ich kann lernen zu denken.
Also hilf mir jetzt herauszufinden, was ich fühle.“
Auf der Suche nach sich selbst?
David Byrne galt als schwierige Persönlichkeit. Nachdem David Byrne im Dezember 1991 die Talking Heads ohne Rücksprache mit den anderen Bandmitgliedern aufgelöst hatte, äußerte sich Bassistin Tina Weymoth enttäuscht: Ihr einstiger Bandkollege sei zutiefst verunsichert gewesen und habe selten Mitgefühl für andere gezeigt.
Ob man solche Urteile aus dem Umfeld einer zerbrochenen und sogar juristisch im Clinch liegenden Band für bare Münze nehmen will, mag jeder für sich selbst entscheiden. Gut möglich aber, dass die Frage „Wer bin ich eigentlich?“ für Byrne nicht nur Songmaterial war.
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Keine Festlegung
Einen Moment später allerdings gibt der Song bereits eine überraschende Antwort:
„Ein Mann kann Auto fahren
und eine Frau kann Chefin sein.
Ich bin ein Affe und eine Blume,
ich bin alles zugleich.“
Das bedeutet: David Byrne verweigert jede Festlegung. Der Mensch mag biologisch ein Tier sein, gleichzeitig ist er aber auch mehr als das: Denn der Mensch ist Geschöpf und selbst kreativer Schöpfer, er übernimmt Rollen – so die im Song angedeutete Elternrolle – und ist in der Lage, Rollen zu verweigern. So wird der Mensch zur Kreatur unter den Kreaturen – eine Überlegung, die an die religiöse Tradition des Franz von Assisi erinnert:
Kreatur unter Kreaturen – Franz von Assisi
Während im Mittelalter die Vorstellung vorherrschte, dass der Mensch „die Krone der Schöpfung“ darstellte, durchbrach Franz von Assisi (1181/1182-1226) dieses Denken, indem er den Menschen als Mitgeschöpf betrachtete. In seinem berühmten Sonnengesang (Cantico delle creature) besingt er „Bruder Sonne“, „Schwester Mond“, „Mutter Erde“ und „Bruder Wind“ als eine große Familie, zu der auch der Mensch gehört: Alle haben denselben Ursprung, nach christlichem Glauben also in Gott als Schöpfer. Um ein sofort sichtbares Gegengewicht zum „Menschen als Krone der Schöpfung“ zu setzen, wählt Franziskus zudem für den von ihm gegründeten Orden die Ordensbezeichnung „ordo fratrum minorum“ (ofm), „Orden der minderen Brüder“.
Franziskus – Patron für Umweltschutz
Franziskus‘ tiefe Verbundenheit mit der Natur lässt ihn als visionärer Vordenker heutiger Bewegungen zum Umweltschutz erscheinen – ein Umstand, den Papst Johannes Paul II. im November 1979 dadurch würdigte, dass er den mittelalterlichen Heiligen zum „Schutzpatron des Umweltschutzes und der Ökologie“ ernannte.
Mensch nicht Krone, sondern Teil der Schöpfung
Auch David Byrne sieht den Menschen nicht als Krone der Schöpfung, sondern
– „Ich bin ein Affe und eine Blume,
ich bin alles zugleich.“ –
als Kreatur unter Kreaturen – genau jenes Menschenbild, das Franz von Assisi Jahrhunderte zuvor entworfen hat. Beide drehen die vorherrschende Perspektive ihrer Zeit um: Nicht der Mensch steht über der Schöpfung, die Schöpfung ist die große Familie, zu der der Mensch gehört. Dazu passt die Songzeile:
„Wir sind schon seit Ewigkeiten hier, schon bevor du geboren wurdest.“
Glaubensbekenntnis fernab der Kirchenbank?
Diese Formulierung könnte als Schwester-und Bruder-Zettel am Paradise Garden von Howard Finster hängen, dem frommen Prediger, der das Albumcover gestaltete.
Was bleibt am Ende? Dass die Talking Heads ihr sechstes Studioalbum „Little Creatures“ und einen Song daraus „Creatures Of Love“ nannten, ist wohl kein Zufall, sondern Programm. Dabei ist „Creatures Of Love“ kein religiöser Song – aber er berührt Fragen, die die Menschen und ihre Religion seit Jahrtausenden bewegt: Woher kommen wir? Was sind wir? Ist der Leib gut oder böse? Byrne antwortet trocken wie eh und je und gibt damit doch eine erstaunlich klare Auskunft: Wir sind Geschöpfe der Liebe – Geschöpfe, deren Leben auf Liebe gründet.
Vielleicht ist das sogar ein Glaubensbekenntnis. Nur eben eines ohne Kirchenbank.
Talking Heads – „Creatures Of Love“
→ Hier geht’s zum Song (Amazon)
Der bei Classic Rock Radio gesendete Beitrag ist eine Kurzfassung dieses Textes.
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