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Rolling Stones, The – Ringing Hollow

„Ringing Hollow“ ist ein Song aus dem neuen Album der Rolling Stones. Schon wieder neu? Tatsächlich! Zwischen „A Bigger Bang“ (2005) und „Hackney Diamonds“ (2023) lagen 18 lange Jahre ohne neues Material. „Blue & Lonesome“ (2016), das ausschließlich Blues-Coversongs enthält, scheidet also bei dieser Rechnung aus. Umso erstaunlicher also, dass die Stones nach weniger als drei Jahren nun schon wieder ein neues Album veröffentlichten.

Das nächste Album nach drei Jahren

Foreign Tongues“ bildet einen echten Zwilling zu „Hackney Diamonds“. Und gleichzeitig erinnert es in seinen Grundzügen an die Zeit ab Mitte der 1970er Jahre. Mit einem Song knüpfen die Rolling Stones musikalisch sogar an einen Track aus dem großartigen „Exile On Main Street“ von 1972 an. Nur der Text ist brandaktuell. Leider!

Gesichtsälteste Band der Welt

83, 82, 79 – nein, hier handelt es sich nicht um Werte, die den Umfang von Brust, Bauch und Po angeben. Diese Zahlen geben das Alter an. Und zwar von Mick Jagger, Keith Richards und Ron Wood. Letzteren nennen eingefleischte Fans ja immer noch „den Neuen“, obwohl der Gitarrist und Bassmann mittlerweile schon seit über 50 Jahren zur Band gehört. Die Rolling Stones, unbestritten die dienstälteste und wohl auch gesichtsälteste Band der Welt! (Iggy Pop spielt bekanntlich noch einmal in einer anderen Liga…)

Bill Wyman und Charlie Watts

Und sie wären vom Durchschnitt her noch einen Tick älter, wenn der 89jährige Ex-Bassist Bill Wyman noch den Bass zupfen würde. Aber der ist ja bekanntlich schon 1993 ausgestiegen. Man glaubt es kaum, aber auch das ist schon mehr als 30 Jahre eher. Hinzu käme bei dieser Rechnung noch Ex-Schlagzeuger Charlie Watts, der Gentleman unter den Altrockern. Aber der nahm sich wohl einen Satz von – auch das glaubt man kaum – Karel Gott zu Herzen. Die „goldene Stimme aus Prag“ sagte nämlich vor langer, langer Zeit einmal: Der einzige Grund einen Auftritt abzusagen, sei der eigene Tod.

1970: Die Rolling Stones sind alt!

Ein Satz, der für viele Fans analog auch für das Aussteigen bei den Rolling Stones zutrifft. Seit ziemlich genau fünf Jahren nimmt Charlie Watts seine Schlagzeugstöcke nur noch für Auftritte mit der himmlischen All-Star-Band in die Hand. Hoffen wir zumindest. Würde er noch die irdischen Trommelfelle bearbeiten, wäre er auch schon 85 Jahre alt. Kaum zu glauben? Hmmm, erst recht, wenn man bedenkt, dass irgendeine Musikzeitschrift gegen Ende der 1970er die Rolling Stones bereits als „alt“ bezeichnete. Wie sang Mick Jagger so schön? „Time Is On My Side“! Das war 1964. 62 Jahre später singt er immer noch.

Hit Me In The Head

Aber wir hauen noch zwei raus: Zum einen ist auf dem aktuellen Album „Foreign Tongues“ tatsächlich noch einmal Charlie Watts dabei: Auf „Hit Me In The Head“ gibt er im wahrsten Sinne des Wortes den Takt an. Allerdings nur, weil der Basistake für diesen Song aus einer Session im Jahr 2021 stammt.

Paul McCartney

Zum anderen ist bei einem Stück ein vermeintlich ewiger Kontrahent der Band ebenfalls mit an Bord: Paul McCartney, frisch gebackene 84 Jahre alt. Der hatte schon auf dem Vorgänger-Album „Hackney Diamonds“ eine ziemlich punkige Bassline für „Bite My Head Off“ beigesteuert. Auf „Foreign Tongues“ kommt der Ex-Beatle bei „Covered In You“ ziemlich funkig daher. Angesichts der beiden Stücke wird auch Spätgeborenen möglicherweise klar, warum McCartney schon in den 1970er Jahren als einer der weltbesten Bassisten galt.

Beatles oder Stones? McCartney UND Stones

Und andererseits, dass die Geschichte mit der unüberwindbaren Rivalität zwischen Beatles und Rolling Stones zumindest in Teilen auch eine Geschichte des Marketing war: Konkurrenz belebt eben das Geschäft. Und erbitterte Rivalität – bist du Dortmund oder Schalke? Bist du Stones oder Beatles? – ist auch ein probates (?) Mittel, um die Kassen zum Klingen zu bringen. Immerhin: Viel mehr „alte Recken“ auf einem Album geht derzeit kaum.

25. Studioalbum

Weil wir gerade bei Zahlen sind: Sieht man einmal von „Blue & Lonesome“ von 2016 ab, dann benötigten die Stones satte 18 Jahre, um nach „A Bigger Bang“ (2005) mit „Hackney Diamonds“ ihr nächstes Studioalbum zu veröffentlichen. Da muten die gerade einmal 2 ¾ Jahre bis zu „Foreign Tongues“ geradezu unnatürlich wenig an. Aber gut: Wenn es schon ein unglaubliches 25. Studioalbum der Rolling Stones gibt, dann musste ja nicht unbedingt besonders lange auf sich warten lassen. Die Art und Weise, wie dieses Album angekündigt wurde, war – zumindest marketingtechnisch – mal wieder beeindruckend:

Vinylplatte der Cockroaches

Man musste sich nicht unbedingt etwas dabei denken, als am 1. April dieses Jahres quasi weltweit ein Poster erschien, das auf die Formation „The Cockroaches“ aufmerksam machte. Stones-Fans allerdings wurden hellhörig: Denn die kannten zwar vielleicht auch die australische Pub-Rock-Formation dieses Namens, wussten aber genauso, dass die Rolling Stones gelegentlich unter dem Pseudonym „The Cockroaches“ Überraschungs- und Clubkonzerte absolviert hatten.

Am 11. April wurden vage Hoffnungen zur Gewissheit: Da nämlich erschienen – weltweit gestreut in ausgesuchten Plattenläden – 1.000 Exemplare einer White-Label-12-inch-Vinylplatte der Cockroaches, die so eindeutig nach den Rolling Stones klangen, dass sie es sein mussten. Und natürlich auch waren.

10.07 Euro – Hinweis auf das VÖ-Datum des Albums

Wer eines dieser Exemplare ergatterte, wird es zwar nie wieder hergeben. Aber wenn er es doch täte, bekäme er locker ein vierstelliges Sümmchen dafür. Gekostet hatte der Spaß Käufer in Deutschland jedoch lediglich 10.07 Euronen. Eine Summe, die – wir sind ja gerade bei „alten Meistern“, deshalb lassen wir Heinz Erhardt sagen: Was bin ich doch wieder für ein Schelm! – das Veröffentlichungsdatum von „Foreign Tongues“ markierte. (Wer das gute Vinylstück NICHT ergattern konnte, kann zumindest alle darauf enthaltenen Songs nun vom Album hören.)

Andrew Watt

Sowohl „Hackney Diamond“, wie auch „Foreign Tongues“ klingen so, als hätten die Rolling Stones ihren Sound der späteren 1970er Jahre einer Frischzellenkur unterzogen. Die hat sogar einen Namen: Andrew Watt. Das ist der Mann, der sich Ozzy Osbourne (Patient Number 9, 2022), Iggy Pop (Every Loser, 2023), Pearl Jam (Dark Matter, 2024), Elton John & Brandie Carlile (Who Believes In Angels, 2025) sowie – ach, schau mal einer an – Paul McCartney (The Boys Of Dungeon Lane, 2026) behutsam angenommen hatte.

Begabung wie Rick Rubin

Mit seinen (im Herbst) 36 Jahren könnte Watt von manchem dieser Musiker der Sohn, ach was, der Enkel sein. Vor allem aber ist er ein großer Fan. Und er muss wohl eine besondere Begabung haben, wie er aus den „alten Haudegen“ noch einmal etwas ganz Besonderes herauskitzelt. (Eine Begabung hat, ähnlich, aber doch ganz anders, wohl nur noch Rick Rubin: Man denke nur an die American Recordings-Serie des längst verstorbenen Johnny Cash oder die Trilogie mit rohen Songs des an Parkinson erkrankten Neil Diamond…)

“Ringing Hollow“ Schritt bei Schritt

Jetzt also Andrew Watt und die Rolling Stones zum Zweiten. Wer „Sweet Virginia“ vom 1972er „Exile On Main Street“-Album im Ohr hat, entdeckt im aktuellen „Ringing Hollow“ eine Art Fortsetzung. Musikalisch zumindest. Der Text ist beängstigend aktuell. Mick Jagger singt:

„Nun, ich war wahnsinnig in dich verliebt,
noch bevor wir uns überhaupt kennenlernten.
Ich habe alle deine Filme gesehen, deine Zigaretten geraucht,
bin deine Autobahn entlanggefahren bis zum Gipfel des Berges.
Ich habe mein ganzes Geld ausgegeben,
um Münzen in deine alte Jukebox zu werfen.“

“Ringing Hollow“ über eine Liebe, die kippt

Auf den ersten Blick scheint es sich um ein Liebeslied zu handeln. Schnell aber entwickelt sich der Song ähnlich wie das gute, alte „Sweet Virginia“ zu einer melancholischen Country-Folk-Ballade. Und die Liebe kippt und wird zu einer enttäuschten Liebe. Die Liebe zu den USA, viele Jahre der Sehnsuchtsort und auch eine nie versiegende Quelle der Inspiration für die Band. Dabei steht die Freiheitsstatue als Symbol im Mittelpunkt:

„Lady Liberty sieht nicht so gut aus,
wenn sie die Stirn runzelt […];
wenn eine Träne in ihrem Kleid ist […]
wenn sie finster blickt […].“

Beobachtungen in den USA

Am 12. Juli 1962 hatten Mick Jagger und Co. ihren ersten Auftritt im Londoner Marquee Club. So politisch wie in „Ringing Hollow“ klangen sie selten, so direkt vielleicht noch nie. Hauptpunkte der Kritik: die steigenden Lebenshaltungskosten der einfachen Bürger, geopolitische Auseinandersetzungen, die schier grenzenlose politische Macht des Lobbyismus und der Einsatz ungeheurer Finanzmittel, um Wahlen zu beeinflussen. Jagger singt:

„Es gibt immer einen Schurken,
der versucht, die Menge aufzuhetzen.
Ich ging zum Weißen Haus, schüttelte dem Präsidenten die Hand
Nun, es klingt hohl, tief und laut.
Wenn Stimmen unterdrückt werden, will ich laut schreien.
Der Freiheit geht es nicht besonders gut.
Sie hat einen weiteren Riss in ihrer Glocke!“

Alles schon mal dagewesen: altes Israel

Zeitsprung rund 3000 Jahre zurück: In Israel verschlechtern sich unter König Salomon die Lebensbedingungen rapide: Um seine gigantischen Bauprojekte, darunter seine Paläste und den Tempel, realisieren zu können, erhöht der Herrscher massiv die Steuern. Wer nicht zahlen kann, landet in der Zwangsarbeit. Äcker und Weinberge, lebenswichtige Ressourcen des Volkes, reißt sich der Staatsapparat unter die Nägel, junge Männer werden zwangsrekrutiert, junge Frauen müssen dem Hofstaat dienen. Frühe Beispiele dafür, wie bis heute Autokraten ein ganzes Volk abhängig und zu Knechten macht.

Samuel kritisiert Autokratie

Lange bevor diese Zustände eintreffen, warnt der Prophet Samuel vor einer autokratischen Staatsgewalt (vgl. 1 Sam). Gehör findet er bei zu wenigen. Erst als das Land wirtschaftlich am Boden liegt und sozial tief gespalten ist, probt das unterdrückte Volk den gewaltsamen Aufstand gegen seinen Herrscher – mit fatalen Folgen: Das einstmals mächtige Reich zerfällt politisch in zwei unabhängige Teile (Nord- und Südreich). Beide sind in den folgenden Jahrhunderten jedes für sich zu schwach, um sich gegen aufstrebende, neue Großmächte – wie die Assyrer und Babylonier – zu verteidigen, so dass letztlich, wenn auch zeitlich versetzt, sowohl das Nord-, wie das Südreich politisch untergehen.

Gott mehr gehorchen als den Menschen

Diese historischen Ereignisse wirken in späteren biblischen Texten nach. Zwar fordert die Bibel grundsätzlich zu Respekt staatlicher Institutionen und damit zur Befolgung erlassener Gesetze auf. So steht für den Apostel Paulus fest: Ordnung hat Vorrang vor Anarchie, zumindest dann, wenn der Staat das Gute fördert und gegen das Böse vorgeht (1 Röm 13). Eine Grenze zum Gehorsam ist dann erreicht, wenn ein politisches System gegen Gottes Gebote verstößt und gegen die Würde des Menschen. Ein derartiges Verhalten steht in direktem Widerspruch zur biblischen Ethik. Die versteht nämlich die Ausübung von Macht immer als Dienst an der Allgemeinheit und im Sinne der Gerechtigkeit. Oder wie die Bibel formuliert:

„Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen!“ (Apg 5, 29).

“Ringing Hollow“ – eine nostalgische Liebesaffähre

„Ringing Hollow“ ist laut Keith Richards eine „nostalgische Liebesaffäre“. Man blickt auf das, was man seit vielen Jahre, ja, sogar seit Jahrzehnten geliebt und verehrt hat. Was man aber aktuell sieht, kann man nicht glauben, will es nicht für möglich halten. Das, was sich heute präsentiert, ist eine bittere Enttäuschung, so Richards.
Fast zwei Jahrzehnte hat Bandkollege Mick Jagger in New York verbracht. Bei vielen Reisen durch das Land habe er auch Seiten der USA kennengelernt, die viele Amerikaner nicht kennen würden. Der Traum von Amerika als Idee existiere für viele Menschen zwar weiter, so Jagger. Aber immer mehr Menschen diskutierten über den Niedergang der amerikanischen Vormachtstellung.

“Ringing Hollow“ – kritische Bestandsaufnahme

Letztlich ist „Ringing Hollow“ vor allem eine kritische Bestandsaufnahme. Oder wie Keith Richards sagt: der letzte Versuch, den Vereinigten Staaten zu sagen: „Wir lieben euch!“
Aus Sicht des alten Samuel wäre ein anderes, deutlich jüngeres Bibelzitat noch passender: „Wer Ohren hat zu hören, der höre!“ (Mt 11, 15 par)

The Rolling Stones – „Ringing Hollow“

Der bei Classic Rock Radio gesendete Beitrag ist eine Kurzfassung dieses Textes.

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