Williams, Robbie – All My Life
Drogen- und Alkoholabhängigkeit, Sexsucht, psychische Probleme, ständige Ausraster, immer wieder Reibereien mit den Bandkollegen – das alles verziehen die Fans Robbie Williams in den 1990er Jahren. Als er aber im Sommer 1995 seinen Ausstieg bei Take That wegen Mangel an kreativer Freiheit (!) bekanntgab, war er bei eingefleischten Fans der Band unten durch.
Zum Affen gemacht
Dass er sich in Pandemiezeiten über das Händewaschen als Vorbeugungsmaßnahme mokierte, abenteuerliche Verschwörungstheorien wie „Pizzagate“ befeuerte, angeblich UFOs sah und von einem Satelliten fabulierte, den Außerirdische in der Umlaufbahn zur Erde installiert hatten, machte die Sache nicht besser. Und spätestens als er sich bei den Brit Awards 2001 während seiner Performance von „Rock DJ“ bis auf die Unterwäsche auszog und provokant dazu tanzte, waren sich zumindest alte Take That-Fans einig: Der Mann hat sich mal wieder zum Affen gemacht.
Als Affe auf die Bühne gezerrt
Da erscheint es nur als konsequent, dass Robbie Williams in seinem Biopic „Better Man“ (2024) als (computergenerierter) Affe in Erscheinung tritt: Er sei sein Leben lang ein frecher Affe gewesen, habe sich selbst als „weniger weit entwickelt“ gesehen und habe lange genug den Affen gegeben, der zur Unterhaltung auf die Bühne gezerrt werde, so der Sänger damals.
Monkey on one’s back
Neu ist die Sache mit dem Affen nicht: Schon 2002 veröffentlichte Williams „Me And My Monkey“, in dem der Affe als eine Art Alter Ego des Sängers sämtliche Regeln und Konventionen bricht und seine Zeit mit Glücksspiel, Sex, Drugs und eben Rock ‚n‘ Roll verbringt. Wozu bestens passt, dass das Englische „to have a monkey on one’s back“ als Redewendung für denjenigen kennt, der ein wirklich ernsthaftes Problem mit sich herumschleppt. Ebenso passend, dass viele Künstlerinnen und Künstler die Musikindustrie als Affenzirkus, besser noch: voller faulen Zaubers und krummer Touren kennengelernt haben, was im Englischen mit dem Begriff „monkey business“ treffen beschrieben wird. Seine Biographie also durch einen Affen erzählen zu lassen, ist also weitaus weniger weit hergeholt, stattdessen sogar viel stimmiger, als man vielleicht auf den ersten Blick meinen mag.
Ayda Field
Mittlerweile hat Robbie Williams die 50 überschritten, gilt längst als einer der erfolgreichsten Stars der Popgeschichte, ist seit 20 Jahren mit der US-amerikanischen Schauspielerin Ayda Field (Studio 60 On The Sunset Strip; Back To You; Fourplay; Strange Wilderness; Austenland u.a.) zusammen, die er vor immerhin 16 Jahren heiratete. Vier Kinder hat das Paar, zwei davon angeblich ausgetragen von einer Leihmutter. Wie es scheint, hat Ayda den einstigen – formulieren wir es einmal dezent und fast schon positiv – Egozentriker an die Leine gelegt und sogar gezähmt.
Bruchlandung in den USA… vor die Füße von Ayda
Fast schon witziges Bonmot am Rande: Als Robbie Williams vor 20 Jahren Nordamerika erobern wollte, floppte er künstlerisch. Aber privat landete er seinen größten Erfolg, nämlich mit Ayda. Die kannte Robbie nicht als Künstler, verliebte sich aber in den Menschen hinter dem Popstar. Seitdem die beiden nach mehreren On und Offs endlich zueinander fanden, ist sie Robbies Fels in der Brandung, hat ihr und wohl auch sein Leben im Griff und stärkt ihm den Rücken, wo immer das nötig ist. „Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau“ – auch wenn man diesen Satz tausendmal gehört haben mag, so scheint er doch bei Robbie Williams besonders gut angebracht zu sein.
Tour zwischen Pose und Mogelei
Seit Anfang 2025 tourt Williams wieder – und bis vorerst November dieses Jahres wird seine große Tournee über alle Kontinente weitergehen. Einer wie er, der schon 2016 in seiner vielbeachteten Autobiographie „Reveal“ in einer Mischung aus Ehrlichkeit und Fiktion, aus „Pose und Mogelei“ (Zitat „Reveal“) auf seine persönlichen Ängste, seine Aufenthalte in Entzugskliniken, auf seine Unsicherheiten und sein Lampenfieber auf der Bühne – ja tatsächlich! – so unterhaltend (!) und pointenreich vermeintliche Intimitäten öffentlich gemacht hat, dass er Kritikern damit den Wind aus den Segeln nimmt, kommt auch bei seinen aktuellen Konzerten nicht ohne einen gesungenen Lebensrückblick aus.
Selbstkritisches „All My Life“
In „All My Life“ aus seinem neuen Album „Britpop“ betrachtet Robbie Williams sein Leben aus einer selbstkritischen Perspektive, wenn er singt:
„Ein weiser Mann sagte einmal: „Nutze deine Wahnvorstellungen“.
Ich möchte darauf hinweisen, dass dieser Mann ich war.
Mein Leben basiert auf einer wahren Geschichte,
einer Geschichte voller Träume, Chaos und Kühnheit
Das Einzige, was mir fehlt, ist Fehlverhalten.
Ich habe mich damit angefreundet, dass ich seltsam bin,
masochistisch, aber immer unterhaltsam.
Und ich weiß, dass ich sterben werde,
aber ich werde die Bühne nie verlassen.“
Bühnenfigur und persönliche Identität
Worte eines Mannes, dem es immer darum ging, sein Publikum vor allem zu unterhalten. Aber es sind auch weise Worte. Worte, die einem Bekenntnis
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Sinn im Leben
In „All My Life“ hört sich das so an:
„Aber mein ganzes Leben lang habe ich Visionen
bis an den Rand meines Verstandes gejagt.
Meine Güte: Wenn ich nicht sein kann, wer ich bin,
dann würde ich lieber sterben.
Und mir geht es gut!
Auch wenn es nur eine weitere schöne Lüge ist.
Baby, ich war mein ganzes Leben lang verrückt.“
Er habe sich damit abgefunden oder sogar angefreundet, seltsam zu sein, singt Williams, lange Zeit extravagant, exzentrisch und aus der Norm fallend gelebt zu haben – wer so auf sein Leben zurückblickt, gehört zu den wenigen, die aufgrund dieses Lebensstils eben nicht unter die sprichwörtlichen Räder gekommen sind.
“Ja“ zum Leben
So kann nur jemand sprechen, der mit sich und seinem Leben zufrieden ist. Die persönlichen Probleme überwunden, eine stabile Ehe, vier hoffnungsvolle Kinder, sicherlich die notwendige finanzielle Absicherung und auch künstlerisch wieder auf Erfolgskurs – kein Wunder, dass Robbie Williams mit sich und seiner Welt heute zufrieden ist. Auch wenn der Weg bis zu diesem Punkt alles andere als leicht war.
Bei Robbie Williams wird daraus:
„Ich erhebe mich wie Löwen in der Nacht.
Du musst weglaufen, aber ich bleibe und kämpfe.
Ich bin die Dunkelheit und das Licht.“
Zufriedenheit durch Verrücktheit?
Was bedeutet: Einerseits ist das menschliche Leben voller persönlicher Schwächen, Tiefpunkte und Niederlagen. Andererseits gibt es im Leben aber auch glückliche Momente voller Zuneigung, Offenheit, Wahrheit und Erkenntnis. In Robbie Williams Song wird das Leben zu einem dauerhaften Kampf zwischen diesen Extremen, zwischen Dunkel und Hell, Tiefen und Höhen. Nur wer sich auf diesen verrückt erscheinenden Kampf einlässt, hat die Chance, tiefe Zufriedenheit und Glück erlangen.
Genau diese Erkenntnis formulierte bereits im 15. Jahrhundert der Theologe und Humanist Erasmus von Rotterdam in Form seines bekanntesten Aphorismus:
„Die höchste Form des Glücks ist ein Leben mit einem gewissen Grad an Verrücktheit.“
Die Kunst besteht vermutlich genau darin, dass die Verrücktheit jenen gewissen Grad nicht überschreitet.
Robbie Williams – „All My Life“
Der bei Radio Salü gesendete Beitrag ist eine Kurzfassung dieses Textes.
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