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Giant Rooks ft Solann – The Waves

Spätestens nachdem Solann Lis-Amboyan Ende 2023 ihre dritte Single „Rome“ veröffentlicht hatte, wurde sie bei unseren französischen Nachbarn zu einem der heißesten Themen nicht nur des Boulevard. Die Gründe waren vielfältig – dazu später mehr.
Mittlerweile ist Solann, wie sich die Singer/Songwriterin nennt, dabei, auch bei uns bekannter zu werden. Dazu beitragen wird ihre Zusammenarbeit mit den 2014 in Hamm (Westfalen) gegründeten Giant Rooks. „The Waves“ von Giant Rooks ft Solann, ist in jedem Fall wert mehr als einmal gehört zu werden.

In Frankreich einer der spannendsten Acts

Noch ist Solann bei uns nicht allzu bekannt. In ihrem Heimatland Frankreich sieht das ganz anders aus: Ihre dritte Single, „Rome“, erreichte bereits Platin-Status und ebnete den Weg für Solanns erste EP „Monstrueuse“ (2024). Die enthält natürlich die Erfolgssingle, aber auch fünf weitere, hörenswerte Songs. Klar, dass irgendwann ein Longplayer folgen musste. 20 wirklich beeindruckende Songs enthält Solanns erstes Album „Si on sombre ce sera beau (promis)“, das Ende 2025 erschien. Und das alles, weil ein Teenager während der Corona-Pandemie ein paar Songs auf TikTok hochlud…

Biographischer Background Solann

Neben dem Blick auf die Musik lohnt bei Solann auch einer auf den biographischen Background. Die ungewöhnliche Mischung aus Chanson, Neofolk und Pop erscheint wie ein natürliches Produkt der Familiengeschichte: Der Vater François Lis (Achtung: Es gibt mehrere Künstler mit diesem Namen!) ist ein französischer Bühnen- und Filmschauspieler; die Mutter, deren Vorname warum-auch-immer nicht genannt wird, Nachname Amboyan (sic!), ist nach Solanns Angaben eine vielseitige armenische Künstlerin. Deshalb widmet sie ihr den Song „Mayrig“ (auf „Si on sombre ce sera beau (promis)“), armenisch für „Mutter“.

Wie so oft: die Großmutter…

Die eigentliche künstlerische Inspiration scheint die grand-mère maternelle, also die Großmutter mütterlicherseits, gewesen zu sein. Zu ihr habe sie sich besonders hingezogen gefühlt, wird Solann nicht müde, in zahlreichen Interviews zu erklären. Mutter, Vater und Großmutter – so entsteht eine in sich nicht abgrenzbare Gemengelage, die Solann bereits in ihrer frühen Kindheit mit Theater, Comedy, Tanz und Gesang in Berührung bringt. Ergänzend erlernt sie bereits als Teenager das Spielen von Klavier, Gitarre, Zither und Ukulele – vor allem letztere spielt sie bei ihren Konzerten immer wieder gern selbst.

Tröstende Hexe

Auf dem Cover von „Rome“ zeigte sich Solann mit einem kleinen, schwarzen geschminkten Punkt unter jedem Auge – ein Unterscheidungs- und Identifikationsmerkmal, das sie in den sozialen Medien schnell als „die Sängerin mit dem Punkt unter den Augen“ bekanntmachte. Gleichzeitig verliehen ihr die beiden Punkte das Image der „sorcière réconfortante“, der tröstenden Hexe. Kein Marketing-Gag, sondern Teil ihres Selbstverständnisses: Denn in verschiedenen Interviews betonte die mittlerweile 27-jährige, dass sie sich seit ihrer Kindheit für Esoterik und vor allem Geschichten über Hexen begeisterte. Das sei Teil ihrer Familiengeschichte, so die Sängerin, ohne dies jedoch zu präzisieren.

Spiritualität wichtig

Gegenüber der Redakteurin Camille P. von La Face B wird sie deutlicher: Weil es ihr gelänge, mit ihren Worten Fremde zu berühren, sehe sie im Schreiben einen kreativen, magischen Prozess. Insofern werde sie zur „tröstlichen Hexe“, zumal Spiritualität in ihrem Leben eine wichtige Rolle spiele.

Armenische Wurzeln

Teil ihres Künstlerdaseins sind ganz sicher auch die armenischen Wurzeln: Ihre Familie mütterlicherseits stamme aus dem Kaukasus und sei 1915 dem Völkermord zum Opfer gefallen. Auch ihr selbst werde Hass aufgrund ihrer armenischen Herkunft entgegengebracht. Dabei habe sie manchmal ein schlechtes Gewissen, wenn sie sich selbst als Armenierin bezeichne: Sie spreche kein Armenisch, sei auch noch nie in Armenien gewesen.

Entsetztes Schweigen vor der Geschichte

Weil in vielen Familien angesichts der erlebten Geschichte Schweigen herrsche, kenne sie die Geschichten aus Armenien und kenne sie doch irgendwie nicht. Mit ihren Liedern knüpft sie mehr oder weniger deutlich an armenische Traditionen an. Musikalisch geschieht dies zum Beispiel durch den Einsatz der Duduk, ein traditionelles kaukasisches Instrument. Inhaltlich durch das Anknüpfung an das Schicksal der Verstorbenen, an die sie durch ihre Worte erinnert und auf diese Weise „wiedererwecken“ möchte. Eine spannende Verbindung mit der Vergangenheit.

Wiegenlied für Bergkarabach

Und mit der Gegenwart, ja sogar der Zukunft: Solann ist sich bewusst, dass Worte Macht haben. Daher nutzt sie ihre Bekanntheit, um auf Ungerechtigkeiten aufmerksam zu machen: Bergkarabach, eine hauptsächlich von Armeniern bewohnte Region, wurde nach der Auflösung der Sowjetunion zu einem jahrzehntelangen Konfliktpunkt und letztlich Kriegsgrund zwischen Armenien und Aserbaidschan. 2020 veröffentlicht sie in den sozialen Medien das traditionelle armenische Wiegenlied „Ari Im Sokhag“ (Արի, իմ սոխակ), im Französischen mit dem Gattungsbegriff „Berceuse arménienne“, also armenisches Wiegenlied, bezeichnet. Dieses Lied ist weitaus mehr als nur ein Wiegenlied: Es ist gleichzeitig ein Abschiedslied einer Mutter, die ihren Sohn in den Krieg ziehen lassen muss, damit der seine Heimat verteidigt. (Hinweis: Derzeit gibt es keine verbindlichen, endgültigen Vereinbarungen zwischen Armenien und Aserbaidschan bzgl. Bergkarabachs.)

Giant Rooks ft Solann – The Waves

Mit „The Waves“ legen Giant Rooks ft Solann einen Song vor, der auf den ersten Blick ein melancholisches Liebeslied ist. Dabei geht es vor allem um Zweifel, Umkehr und die Selbstaufgabe an einen geliebten Menschen. Textprobe:

„Vielleicht habe ich mich geirrt
und nichts hat sich jemals verändert –
Heute und Gestern.“

Lähmender Stillstand

Einerseits ist dies ein Rückblick, andererseits die Zustandsbeschreibung: Bewegung und Fortschritt finden nicht statt. Es herrscht Stillstand. Wie massiv der zu sein scheint, unterstreicht die nachfolgende Textpassage:

„Ein Traum bleibt ein Traum in einem Traum,
eine Tür ist eine Tür zu einer Tür,
ein Zimmer ist ein Zimmer in einem Zimmer.“

Latein- und Griechischlehrerinnen und -lehrer werden ein freudiges Leuchten ihrer Augen nicht vermeiden können, Unterrichtende anderer Fächer, in denen es um Rhetorik geht, genauso wenig. Denn der Song verwendet das Stilmittel der Tautologie.

Tautologie nach Gertrude Stein

In der Moderne wird für dieses Stilmittel oft ein Beispiel der US-amerikanischen Schriftstellerin und Verlegerin Gertrude Stein angeführt: Stein, 1903 nach Paris übersiedelt, war bekannt dafür, sich in ihrem Salon mit Persönlichkeiten der Kunst zu umgeben, darunter Maler wie Henri Matisse und Picasso sowie Schriftsteller wie F. Scott Fitzgerald (Roman: Der große Gatsby) und Ernest Hemingway (Literaturnobelpreis 1954 für sein Lebenswerk, darunter „Der alte Mann und das Meer“). 1922 veröffentlichte Stein in ihrem Buch „Geography and Plays“ das Gedicht „Sacred Emily“, aus dem der später viel zitierte Satz stammt: „Rose is a rose is a rose is a rose.“ Die Behauptung, dass ein Gegenstand nichts anderes ist als er selbst, dass es vor allem aber nichts gibt, was diesen Gegenstand – um es modern zu formulieren – toppen könnte.

Mystik & Religion

In vielen mystischen Traditionen gilt die schlichte, wiederholende Benennung des Seienden als Annäherung ans Göttliche. So auch in der Bibel. Im Buch Exodus, entstanden vor über 2.500 Jahren, fragt Moses Gott nach seinem Namen. Die Antwort lautet Jahwe, das vielfach mit „Ich bin der, der für dich/euch da ist“ übersetzt wird, eigentlich aber „Ich bin, der ich bin“ (auch: der Da-Seiende) bedeutet. Gott ist eben nicht nur ein Gott unter vielen. Auch in diesem beschreibenden Namen steckt die Aussage des Unüberbietbaren (vgl. Ex 3,14 sowie 6,2-3).

Du bist die ganze Welt für mich

Im Song klingt die Passage eher nach Resignation: Vielleicht habe ich mir die Welt und das Leben schöner vorgestellt als es ist. Diese nüchterne und ernüchternde Haltung durchbricht jedoch die nachfolgende Zeile deutlich:

„Und du bist nach wie vor die Welt für mich.“

Gab es bei Traum, Tür und Zimmer (und auch beim biblischen Jahwe) keine Steigerung, so trifft das für die geliebte Person nicht zu: Sie wird über diese Gleichsetzung hinausgehoben, ist mehr als eine Person, ist eben nicht nur ein Mensch unter vielen anderen. Ihre Bedeutung ist gleichbedeutend mit der gesamten Welt.

Unglaubliche Bitten um Zerstörung

Aber selbst das ist zu toppen. Denn im Song heißt es:

„Lass mich versinken wie einen Stein,
brich mich wie einen Knochen,
wende mich wie eine Seite,
triff mich wie die Wellen,
lass mich wachsen wie eine Blume,
verbring mich wie eine Stunde,
betäube mich wie ein Schmerz,
triff mich wie die Wellen.“

Unglaubliche Bitten, die nicht nur auf Verwandlung abzielen, sondern auch die Bereitschaft zur eigenen Zerstörung, zur Selbstaufgabe enthalten: Ich will gerne leiden, wenn danach unsere Liebe umso lebendiger ist.

Religiöse Metapher „Buch des Lebens“

Auffällig sind dabei die religiösen Konnotationen: Das Umblättern der Seite verweist einerseits auf die vielen Wendepunkte, die ein menschliches Leben haben kann. Religiöse oder spirituelle empfängliche Menschen aber assoziieren hier möglicherweise das „Buch des Lebens“, wie es die jüdische und christliche Tradition kennen. In ihm sind je nach Interpretation die persönlichen Schicksale von Menschen vorab aufgeschrieben bzw. etwas spezifischer betrachtet enthält es eine Auflistung derjenigen, die ein ewiges Leben in der Nähe Gottes führen werden.

Religiöse Metapher: Wachsen; Frühling
  • Die Metapher der wachsenden Blume ist religiösen Menschen aus verschiedenen biblischen Zusammenhängen bekannt. So wird der Mensch als Gras oder als Blume verzeichnet, die zwar vergeht, aber aufgrund der Fürsorge eines Anderen wächst (Jes 40,6-8).
  • Das Hohelied Salomos verwendet das Aufblühen der Natur im Frühling als Symbol für menschliche Liebe bis hin zur Erotik (vgl. Hld 7,13).
Religiöse Metapher: Wasser der Taufe

Die Wellen, die auf einen Menschen treffen, können als Parallelen zur christlichen Taufe gedeutet werden: In biblischen Zeiten war es üblich, in einem natürlichen Gewässer, z.B. „im Jordan“, zu taufen (vgl. die Taufen des Johannes bei Mt 3,5-6; Mk 1,5; Lk 3,3; Joh 3,23). Bei verschiedenen Freikirchen und in der Orthodoxie hat sich diese Praxis erhalten, wenngleich dort spezielle Taufbecken verwendet werden, in denen man komplett untertauchen kann. Etymologisch leiten sich übrigens „tauchen“ wie auch „taufen“ vom mittelhochdeutschen Wort „toufen“ (althochdeutsch: „toufen“) ab. In den westlichen Kirchen ist die „Untertauch- oder Ganzkörpertaufe“ weitestgehend durch das bekannte Besprengen mit geweihtem Wasser ersetzt.

Übergang zu neuem Leben

In allen Fällen aber handelt es sich um ein symbolisches Sterben, ein Ablegen des alten Lebens und den Übergang zu einer neuen Form des Lebens, letztlich auch ablesbar an der durch die Taufe erfolgten Zugehörigkeit zur Gemeinschaft der Gläubigen.

Noch religiöser auf Französisch

Noch deutlichere religiöse Bezüge enthält die von Solann auf Französisch gesungene Passage. Darin heißt es:

„Ich komme schon zurück,
vielleicht habe ich falsch geurteilt.
Du weißt, Flucht ist meine Sünde.
Und nach allem:
Dein Herz bleibt ein Herz für mein Herz,
meine Welt ist eine Welt in deiner Welt,
meine Hand ist nur eine Hand in deiner.“

Der Begriff der Sünde

Der Text beschreibt das Verlassen der Beziehung nicht nur als Flucht, sondern explizit als „péché“, als Sünde. Es handelt sich also nicht um einen bedauerlichen Zufall oder einen kurzen Moment der Schwäche, sondern um eine bewusste, schwere Verfehlung, ein Abwenden von dem, was richtig gewesen wäre. Noch deutlicher als zuvor gilt auch hier das religiöse Schema von Schuld, Umkehr (mit der Bitte um Vergebung) und Neuanfang. Besonders auffällig ist dabei die Formulierung:

„Dein Herz bleibt ein Herz für mein Herz.“

Loslassen des Ichs führt zum Wir

Auch hier kommt der bereits erwähnte Gedanke der Selbstaufgabe zum Tragen: Erst in der Begegnung mit dem anderen Herzen wird das eigene zum Herzen. Oder etwas anders formuliert: Erst das Loslassen des eigenen Ichs führt zu einem Wir und damit zu einer höchsten Form des eigenen Seins. Oder um mit dem österreichisch-israelischen jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber zu sprechen: „Der Mensch wird am Du zum Ich.“ (vgl. Martin Buber: Ich und Du. Stuttgart: Reclam UB 14171, 1995 bzw. aktuelle Auflage, 32.)

Identität der Liebenden

Dass diese Strophe die bereits erwähnte Tautologie wiederaufnimmt, ist ein besonders gelungener Schachzug des Songs: Die Parallele signalisiert nämlich die große Identität zwischen beiden Liebenden. Dass Solann ihren Part auf Französisch singt, Fred Rabe von Giant Rooks seinen auf Englisch, unterstreicht zudem: Liebe ist in der Lage, Sprachbarrieren zu überwinden, soweit die Ebene der Gefühle identisch ist.

Melancholisches Ende

Erst gegen Ende kippt die glückselige Stimmung ins Melancholische, wenn es heißt:

„Ich lausche den Vögeln draußen,
die vom Himmel fallen, auf die Flut.
Ich spüre, wie das Gefühl stirbt,
wenn ich jetzt die Augen schließe.“

Und:

„Verfolge mich wie ein Gespenst!
Umgib mich wie ein Burggraben!
Sieh mich dahintreiben!“

Apokalyptische Bilder

Vögel, die vom Himmel fallen – dieses Bild dient in der Moderne in verschiedenen Katastrophenfilmen als Vorbote der Apokalypse, zumindest aber als Zeichen einer massiven Bedrohung. Im Song transportieren sie das Wissen: Die (symbolischen) Wellen, die verwandeln sollen, sind eben auch solche, die verschlingen können.
Oder wie der griechische Historiker Thukydides im 5. Jahrhundert vor Christus bereits feststellte: „Das Meer trägt zwar das Schiff, aber es kann es auch verschlingen.“ (Ein Zitat, das rund 800 Jahre später auch dem Kirchenvater Ambrosius zugeschrieben wird.)

Gefahr des Scheiterns, Chance des Heilens

Für den Song bedeutet das: Ein „über alles geliebter Mensch“ birgt auch immer die Gefahr des Scheiterns, des persönlichen Leides und des Zerbrechens der Liebe und der Beziehung. Über all dem schwebt die Hoffnung: sich verlieren, um gefunden zu werden; loslassen, um zu dem Menschen zurückzukehren, der „nach wie vor die Welt für mich bedeutet“.

Giant Rooks ft. Solann – „The Waves“

Der bei Radio Salü gesendete Beitrag ist eine Kurzfassung dieses Textes.
→ Hier geht’s zum Song (Amazon)

Weitere Beiträge der HitStory bei Radio Salü: hier.

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