Schulte, Michael – Lovesick
Zugegeben: Besonders originell oder gar neu ist das Bild nicht, das Michael Schulte für seinen Song „Lovesick“ verwendet: vor Liebe so krank zu sein, dass man den Arzt aufsucht, ist ein jahrhundertealtes Motiv. (Und Robert Palmer, um nur einen von vielen zu nennen, hat das in zeitgenössischer Musik mit „Bad Case Of Loving You [Doctor Doctor] 1979, wenn auch unter anderen Vorzeichen, schon deutlich rockiger verwendet.)
Ehefrau und Kindern gewidmet
Aber da es die Liebe vermutlich noch deutlich länger gibt als ihre Beschreibung als Krankheit, ist das nicht weiter tragisch. Zumal der aus Eckernförde an der Ostsee stammende Sänger sein aktuelles Album „Beautiful Reasons“ und damit auch „Lovesick“ seinen beiden Kindern und seiner Ehefrau Katharina widmet. Mit Katharina hat er das vermeintliche verflixte siebte Ehejahr längst hinter sich gebracht. (Glückwunsch!)
Kleine und große Momente
Auch weiterhin scheinen die beiden miteinander glücklich zu sein und eine großartige Zeit zu erleben. Davon zeugt nicht nur das Albumcover, das von einem Urlaub in Südafrika stammt. Sondern auch die 16 Songs des Albums, von denen die meisten von gemeinsamen Momenten inspiriert seien, so Michael Schulte. Kleine und große Momente, so der sympathische Sänger – eine Aussage, die auch mit Blick auf „Lovesick“ nicht ganz unwichtig ist.
Lovesick
Michael singt:
„Das Fieber steigt in meinem Kopf
Hundert Grad und mir ist so heiß
Der Arzt sagt, mir geht’s gut.
Warum hänge ich dann an einer Rettungsleine?
Die ganze Nacht lang – was machst du nur mit mir?
Dein Liebeskäfer hat mich gepackt.
Wenn ich dich sehe, ja, dann spielt mein Herz verrückt:
Es schlägt wie ein Trommelstock!“
Eros, Amor und ein Liebeskäfer
Ja, das klingt tatsächlich ein bisschen nach Fieberwahn. Was in den Mythologien der alten Griechen bzw. bei den alten Römern die Götter Eros und Amor durch einen gezielten Schuss mit einem goldenen Pfeil ausrichteten, dafür sorgt in „Lovesick“ ein Liebeskäfer: Sein Biss sorgt für Fieber und satte 100 Grad Körpertemperatur – eine bildhafte Übertreibung, die sagen soll: mehr geht nicht! Denn in der Zahlensymbolik steht die Zahl 100 für Fülle, Vollendung und… die Überwindung von allem, was negativ ist. Wer es weniger bildhaft mag: Wen die Liebe vollständig überfällt, der ist nicht mehr Herr seiner Sinne. Und seiner körperlichen Reaktionen erst recht nicht. Fieberwahn, eben!
Fieberwahn
Vermutlich muss man eine absolute Spaßbremse sein, um darauf hinzuweisen, dass es sich theoretisch auch um eine Temperaturangabe in Fahrenheit handeln könnte. Dann sprächen wir lediglich über 37,7778 Grad Celsius. Da Mediziner bei einer Körpertemperatur von 37,5 bis 38 Grad von „erhöhter Temperatur“ reden und erst jenseits der 38 Grad medizinisch von Fieber die Rede ist, wäre es mit dem Temperaturanstieg nicht allzu weit her. Gehen wir also davon aus, dass es sich um eine Temperaturangabe in Celsius handelt – das ist doch viel symbolischer. Und passt besser zum Song.
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Fieber vs Ekstase
In den Mythologien der Alten ist anstelle von „unglaublich hohem Fieber“ oftmals von Ekstase die Rede – ein Zustand, in dem sich Betroffene soweit vom Irdischen lösen, dass sie offen werden für spirituelle Erfahrungen: Sie fühlen sich dann „völlig losgelöst“, können sich nicht mehr auf den Beinen halten und fallen auf ihre Knie. Ganz nebenbei fragen sie sich, was da eigentlich mit ihnen geschieht. Oder anders formuliert: was der, dem sie da in ihrer ekstatischen Situation begegnen, da eigentlich mit ihnen tue.
Schweben und auf Knien
Diese Vorstellungen greift Michael Schulte in „Lovesick“ auf. Denn er singt:
„Ja, ich schwebe, was tust du mir an? […]
Du bringst mich dazu, auf meinen Knien zu betteln […]“
Nun ist „Lovesick“ kein religiöser Song. Aber Michael Schulte nutzt dennoch eine religiös aufgeladene Sprache, um die Intensität seiner Liebe zu beschreiben. Und um deutlich zu machen:
Jenseits dieser Welt
Wirkliche Liebe spielt sich zumeist in einer Dimension ab, die jenseits der üblichen Wahrnehmungsgrenzen liegt. Für Außenstehende können diese in der Regel nicht nachvollziehen. Müssen sie auch gar nicht. Sie müssen auch nicht verstehen, warum der eine Partner den anderen auf einen Sockel stellt und – im wahrsten Sinne des Wortes – vergöttert. Wichtig ist einzig und allein, dass die beiden Liebenden wissen, was sie tun. Die Erfahrung, dass man von einem Menschen angenommen wird, wie man ist, und dass man diesem Menschen vollständig vertrauen kann, kann Kraft geben zu einer positiven Lebenshaltung, auch zu Veränderungen. Und sie kann sogar einem Rettungsanker werden, von dem Michael Schulte singt.
Ungewissheit bleibt
Liebe ist also berauschend. Und doch bleibt stets ein kleines bisschen Ungewissheit: Denn wenn der Partner nicht mehr im Mittelpunkt steht, nicht mehr Respekt, Vertrauen und Annahme im Mittelpunkt stehen, wenn sich also Liebende nicht oder nicht genügend um ihre Beziehung bemühen, kann Liebe auch ins Gegenteil umschlagen: Dann wird die Rettungsleine zu einer Fessel, die Liebe, die eigentlich befreien sollte, führt in eine Form der Gefangenschaft. Ein zweischneidiges Schwert also, das Michael Schulte in der Formulierung
„Warum hänge ich dann an einer Rettungsleine?“
ganz am Rande durchblitzen lässt: Sich in der vermeintlichen Rettungsleine zu verheddern, kann zu Unfreiheit und Abhängigkeit führen.
Todbringender Pfeil
Das wussten übrigens auch schon die alten Griechen und Römer, waren in ihrem Bild allerdings ein wenig drastischer: Ihre Götter Eros bzw. Amor hatten nämlich immer gleich zwei Pfeile im Köcher: der goldene führte zu ekstatischer Liebe, der andere, ein schwarzer, direkt zum Tod des Getroffenen. Vielleicht ja auch eines der vielen sprachlichen Bilder dafür, wie man sich fühlt, wenn das mit der großen Liebe nicht oder nicht mehr so hinhaut wie gewünscht.
Vertrauensvoll fallen lassen
Davon allerdings kann in Michael Schultes Song nicht die Rede sein. Der ist erst einmal „krank vor Liebe“. Und empfiehlt seinen Fans: nicht nur die großen Momente, sondern auch die kleinen Dinge im Leben mit offenen Sinnen wahrzunehmen und sich daran zu erfreuen. Denn das macht einen großen Teil eines harmonischen Miteinanders aus. Und ist vielleicht ja sogar die unabdingbare Voraussetzung dafür, dass man sich ins Fieber der Liebe vertrauensvoll fallen lässt.
Michael Schulte – „Lovesick“
Der bei Radio Salü gesendete Beitrag ist eine Kurzfassung dieses Textes.
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