Take That & Kelly, Michael Patrick – Feel My Love
Zugegeben: Dass Take That und Michael Patrick Kelly für „Feel My Love“ oder irgendeinen anderen Song einmal gemeinsame Sache machen, hätten wir nicht erwartet. Klar ist Michael Patrick bei uns ein Star. Aber schließlich waren Gary Barlow, Howard Donald und Mark Owen, ursprünglich verstärkt mit Jason Orange und Robbie Williams, die wohl erfolgreichste Band der frühen 1990er Jahre:
Niemand mit mehr Nummer-1-Hits
Auf rund 48 Millionen verkaufte Tonträger kann die einstige Boygroup zurückblicken. Sechs Studioalben und ein Sampler eroberten die Spitze der Charts genauso wie zwölf Singles. Niemand hat mehr Nummer-1-Hits gesammelt als die im britischen Manchester gegründete Band. Und dabei sind die Soloerfolge von Robbie Williams, der bis heute das verbliebene Trio immer mal wieder ergänzt, noch nicht einmal mitgezählt.
Neues Take That Album „Dreamers“ in der Pipeline
„Feel My Love“ ist der Vorbote zum zehnten Studioalbum von Take That. „Dreamers“ wird es heißen, soll am 20. November veröffentlicht werden und kann bereits heute vorbestellt werden. Fans wissen natürlich, dass es dann im kommenden Sommer eine Europatournee geben wird, mit dabei natürlich auch einige Termine bei uns in Deutschland, darunter an der Loreley und auf der Berliner Waldbühne.
Songidee von Michael Patrick Kelly
Ob Robbie Williams dann bei dem einen oder anderen Konzert mal mehr oder weniger spontan mitmischen wird, ist völlig offen. Und zumindest bei uns würde sich niemand wundern, wenn Michael Patrick Kelly den einen oder anderen Gastauftritt absolvieren würde – spätestens bei „Feel My Love“. Denn schließlich brachte Michael Patrick die noch nicht ganz fertige Idee zu diesem Song mit, als er sich mit Take That, Jamie Scott und Mike Needle traf. Und Jamie Scott, bekanntlich erfolgreicher Songschreiber für One Direction, Justin Bieber, Ed Sheeran und Rag‘n’Bone Man, machte aus den Ideen eine runde Sache. Gut möglich also, dass Michael Patrick „seinen Song“ dann auch live mit Take That performen wird. Wir sind gespannt.
Religiöse Anspielungen in „Feel My Love“
Gespannt sind wir auch, ob das zehnte Take That-Album so viele religiöse Anspielungen enthalten wird, wie wir sie zuhauf in „Feel My Love“ finden. Darin heißt es:
„Schau nicht zurück.
In der Vergangenheit gibt es keine Zukunft.
Du hast gewartet, aber jetzt ist es endlich soweit.“
Don’t Look Back in den USA
„Schau nicht zurück“ – in der Musikgeschichte gibt es eine Reihe von Songs, die „Don’t Look Back“ heißen. Den vielleicht bekanntesten veröffentlichte die US-amerikanische Band Boston 1978 und das in ihrem – entsprechend dem Namen ihrer Heimatstadt – typischen US-Ostküsten-Rocksound.
Lange vorher, nämlich bereits 1965 hatte der legendäre Smokey Robinson für die von ihm geförderten Temptations einen Song mit genau jenem Titel „Don’t Look Back“ geschrieben. Schade, dass er ausgerechnet auf dem legendären Album „The Temptations Sing Smokey“, ebenfalls aus dem Jahr 1965, keinen Platz fand. Da war er nämlich noch gar nicht geschrieben. Erst nach Veröffentlichung dieses Albums erschien er als Single. Und weil die Single wiederum ziemlich erfolgreich war, landete „Don’t Look Back“ Ende 1965 auf dem nächsten Longplayer, „The Temptin‘ Temptations“.
Don’t Look Back in der Karibik
Dass man weder im Osten der USA noch im Mittleren Westen beheimatet sein muss, um einen Song namens „Don’t Look Back“ zu singen, bewies 1978 Reggae-Superstar Peter Tosh aus Jamaika. Der nahm kurzerhand Smokey Robinsons Song neu auf, nannte ihn „(You Gotta Walk) Don’t Look Back“, bastelte aus Reggae und Rock eine spannende Mischung und holte sich niemand anderen als Rolling Stones-Frontmann Mick Jagger als zweite Stimme ans Mikrophon. Fun Fact am Rande: Jagger und Stones-Gitarrist Keith Richards waren Produzenten von Toshs Erfolgsalbums „Bush Doctor“, von dem „Don’t Look Back“ stammt. Richards ließ es sich nicht nehmen, für zwei weitere Songs des Albums zur Gitarre zu greifen, nämlich bei „Bush Doctor“ und „Stand Firm“. Auch heute noch hörenswert!
Frommer Autor Smokey Robinson
Zurück zu Smokey Robinson: Der wandte sich in den 1980er Jahren bewusst dem christlichen Glauben zu und berichtet seitdem – nicht nur in Kirchen, sondern auch in Gefängnissen und Rehabilitationszentren – davon, wie ihn der Glauben von seiner schweren Kokainsucht befreite. Seine musikalische Begabung versteht der 1940 geborene fromme Songwriter und Musiker ganz folgerichtig als Geschenk Gottes.
Herkunft Bibel: Don’t Look Back, Frau Lot
Menschen, die mit deutschen Bibelübersetzungen aufgewachsen sind, dürfte bei der Aufforderung „Don’t Look Back“ eine interessante biblische Begegnung einfallen: Weil Lots Frau entgegen der Weisungen der Engel auf die vernichteten Sündenstädte Sodom und Gomorrha zurückblickt, erstarrt sie zur Salzsäule (Gen 19,26). Die Interpretation, dass Frau Lot insgeheim das Ende des bunten Treibens in diesen Städten bedauerte und sich nicht 100-prozentig mit der Zukunft an neuer Stätte identifizierte, hat sicherlich einiges für sich. Und da wir eben so bewusst auf deutsche Bibelübersetzungen verwiesen haben: Vor allem alte englische Bibelübersetzungen verwenden anlässlich dieser Begebenheit die traditionellere Formulierung „Do not look behind you“. Aber keine Sorge: Modernere Übersetzungen verwenden schon lange das typische „Don’t look back“. Der Brückenschlag zur Bibel passt also im englischsprachigen Raum.
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Auf den Kopf gestellt: Satiriker Ephraim Kishon
(Bereits 1959 spielte der jüdische Schriftsteller Ephraim Kishon mit dieser Bibelpassage: So betitelt er seine Sammlung von 36 Kurzgeschichten gezielt mit „Drehn Sie sich um, Frau Lot“. Damit stellt er nicht nur das Bonmot, sondern auch die biblische Botschaft – typisch Satiriker – auf den Kopf, indem er ausdrücklich dazu auffordert, nicht alle Unzulänglichkeiten dieser Welt bitterernst zu nehmen.)
Der Nachhall von Frau Lot bei Jesus
Die biblische Erzählung von Frau Lot findet übrigens auch im Neuen Testament ihren Nachhall. Jesus radikalisiert diesen Satz, wenn er ziemlich harsch formuliert:
„Keiner, der die Hand an den Pflug gelegt hat und nochmals zurückblickt,
taugt für das Reich Gottes.“ (Lk 9,62).
Das ist heftig.
Michael Patrick Kelly und die Religion
Warum erzählen wir das alles? Weil wir aufgrund der Lebensgeschichte von Michael Patrick Kelly mit religiöser Erziehung, Aufenthalt im Kloster, Zusammenarbeit mit christlichen Hilfswerken und vielem mehr fest davon überzeugt sind, dass die biblischen Zusammenhänge auch in diesem Song gewollt und nicht etwa zufällig sind. Auf den ersten Blick erzählt Michael Patrick eine Liebesgeschichte. Die aber hat eine Botschaft, die sich tiefreligiös deuten lässt. Und die für viele Situationen im Leben zutrifft.
Nicht in der Vergangenheit festhängen
Nämlich: Wer seinen Blick immer nur Richtung Vergangenheit wendet, wer die Vergangenheit verklärt, ihr nachtrauert und sich darauf fokussiert, verpasst die Gegenwart. Zumindest aber lebt er nicht im Hier und Jetzt, ist aufgrund seiner Fokussierung kaum in der Lage, die vielen schönen Ereignisse in der Gegenwart wahrzunehmen.
Unmittelbar nach dieser Lebensweisheit folgt eine der bemerkenswertesten Passagen des ganzen Songs:
„Bleib auf Kurs.
Lass dich nicht von den schlaflosen Nächten ablenken.
Ich will dich nicht lenken, aber ich bin an deiner Seite.“
Ich bin für dich da. Immer!
Hinter diesen mehr oder weniger harmlos klingenden Worten verbirgt sich eine auffällige theologische Formel: Ein Liebender nimmt seinem Gegenüber weder Freiheit noch Verantwortung ab, ja, noch nicht einmal die dunklen, schlaflosen Nächte. Aber er ist an seiner Seite. Immer. Eine Zusage, die zu den Grundlagen des jüdisch-christlichen Gottesverständnisses gehört: Als sich Gott dem Mose offenbart, nennt er sich Jahwe, übersetzt etwas „Ich bin der, der für dich da ist“. Ein größeres Versprechen kann es kaum geben. „Feel My Love“ greift genau dieses Versprechen auf. Denn es bedeutet, dass man seinen Partner nicht übergriffig steuern will, sondern ihn einfach liebt. Ohne jegliche Bevormundung, ohne Gegenleistung, unter allen denkbaren Umständen.
Goldene Straßen
Die tiefreligiösen Anspielungen ziehen sich durch den gesamten Text. So auch in dieser Passage:
„Die Straßen, die du kennst, werden immer dieselben bleiben.
Sie sind in Gold getaucht, es ist nur Novemberregen
Er versteckt sich jetzt irgendwo in dieser Stadt.“
Auch das klingt nicht unbedingt religiös, sondern eher nach einer melancholischen Beschreibung einer Stadt. Wenn da nicht die in Gold getauchten Straßen wären. Die haben nämlich ebenfalls eine biblische Vorlage.
Hoffnung auf ein „Neues Jerusalem“
Im Jahr 586 v. Chr. zerstören babylonische Eroberer Jerusalem und, was vielleicht noch schlimmer ist, das dortige Zentralheiligtum, den Tempel. Damit ist nach biblischer Vorstellung auch der „Wohnort Gottes“ verschwunden. Kein Platz für Gott, kein Gott. Kein Gott, kein Beistand. So einfach darf man sich das Denken. Aus dieser Vorstellung heraus entwickelt sich die Hoffnung auf ein „neues Jerusalem“: eine vollkommen erneuerte Stadt, was als Bild für wiedererwachte Frömmigkeit des Volkes, erneute Gegenwart Gottes und demzufolge Überwindung von Leid, Schmerz, Trauer und Tod – zumindest für die Rechtschaffenden – gleichzusetzen ist. Diese Lesart findet sich im 6. Jhdt. v. Chr. in den Schriften der Propheten Jesaja (Jes 65,17) und Ezechiel (Ez 1-14; 33-48).
Fundstelle in der Offenbarung des Johannes (Apokalypse)
Diese Vorstellung greift im Neuen Testament der frühchristliche Prophet Johannes (möglicherweise nicht identisch mit dem Verfasser des Johannesevangeliums) in seiner „Offenbarung“, vielfach auch als „Johannesapokalypse“ bezeichnet, auf. Und schon wissen wir, wo Michael Patrick Kelly für sein „Feel My Love“ gefunden hat. Denn die bildhafte Darstellung bei Johannes lautet:
„Und die Straße der Stadt war aus purem Gold […].“ (Offb 21,21)
Gold reserviert für Gott
Natürlich kann man schnell darüber hinweggehen. Sollte man aber nicht. Denn es lohnt sich, das verwendete Bild von goldenen Straßen aufzuschlüsseln: In der Antike gilt Gold als das edelste Metall. Im Alten Testament ist es für das Allerheiligste im Tempel, also für die „Wohnung Gottes“ reserviert. Wenn nun die Straßen dieser neuen Stadt aus purem Gold bestehen, heißt das in Fortsetzung der biblischen Bildsprache: Die gesamte Stadt wird quasi zum Allerheiligsten Gottes. Die Anwesenheit Gottes ist in der gesamten Stadt spürbar. Gott ist überall.
Wer verbirgt was?
Dieses „neue Jerusalem“ kommt nach biblischer Vorstellung vom Himmel. Vieldeutig bleibt, was genau Michael Patrick Kelly meint, wenn er singt:
„Hiding it now“ – „Es verbirgt sich jetzt“
Möglicherweise meint er damit die banale Realität eines typischen Novembertages mit verhangenem Himmel und Nieselregen. Alles Grau in Grau, so dass es schwerfällt, die wahre Pracht der neuen Stadt wahrzunehmen. Auch übertragen ergibt das Sinn: Ein alltäglicher, oft frustrierender Tagesablauf macht es nicht gerade einfach, die wahre Schönheit der realen Lebenswirklichkeit zu sehen. Wer will, kann natürlich auch den rückwärtsgewandten Blick in die Vergangenheit als Gegenspieler zum einem aufgeschlossenen Leben im Hier und Jetzt sehen.
Raus aus der Gewohnheit
Drei unterschiedliche Interpretationsansätze, ein und dieselbe Deutung: Straßen, die man schon lange kennt, in denen man selbst auch wohnt, verändern sich, aber man bekommt es gar nicht mit. Erst mit einer hilfreichen Unterstützung ist es möglich, sich aus dieser Erstarrung, oftmals von der Vergangenheit zu befreien und danach jeden Moment seines Lebens bewusst zu leben.
Auch wenn das schon eine Menge biblischer Anklänge waren – einen bringen wir noch.
Das Herz aus Stein…
Im Song heißt es:
„Wenn dein Herz weint, ist dein Körper wie Stein.
Dann weißt du, dass du meine Liebe spürst.
Gib mir deine Höhen, gib mir deine Tiefen.
Wo auch immer du hingehst, wirst du meine Liebe spüren.“
Selbstverständlich ist auch das wieder wunderschöne Poplyrik. Aber auch diese Passage hat eine biblische Grundlage, in diesem Fall in einem Vers des Propheten Ezechiel:
„Und ich gebe euch ein neues Herz und einen neuen Geist gebe ich in euer Inneres; ich entferne das Herz von Stein aus eurem Fleisch und gebe euch ein Herz von Fleisch.“ (Ez 36,26)
Größtmögliches Versprechen
Was kann man mehr versprechen? Wie die Zusage Jahwes („Ich bin bei dir“) ist diese Verheißung bei schwerwiegenden Problemen besonders wichtig: Gerade dann, wenn ein Mensch in eine akute Notlage gerät, hilft die Liebe eines anderen Menschen, um diese unheilvolle Situation zu überstehen.
Der im Song benannte Wunsch, Höhen und Tiefen abzugeben, hat eine Parallele im Eheversprechen, „in guten wie in schlechten Zeiten“ füreinander einzustehen. „Feel My Love“ enthält sogar den ausdrücklichen Wunsch an den Partner, seine Probleme abzuladen und zu teilen.
Quelle Schöpfungspsalm: Gott ist überall
Ein letzter Blick gilt der bemerkenswerten letzten Zeile dieses Abschnitts: Egal wohin unsere gemeinsame Reise geht – unsere Liebe begleitet sie, heißt es im Song sinngemäß. Die Vorlage dazu findet sich im Abschlussvers des sogenannten Schöpfungspsalms, der lautet:
„Steige ich hinauf in den Himmel, so bist du dort; bette ich mich in der Unterwelt, siehe, du bist da.“ (Ps 139,8)
Der fromme Beter in der Bibel kennt keinen Ort, an dem Gott nicht gegenwärtig ist. Und da der Betende auf Gott vertraut und sich seines Beistandes sicher ist, kann ihn nichts verängstigen. „Feel My Love“ verknüpft diese Vorstellung mit der intensiven Bindung zwischen zwei Liebenden: Was auch immer geschieht – meine Liebe wird dich begleiten.
Take That – Feel My Love: Nach außen Popsong, im Inneren ein Gebet?
Fazit: Michael Patrick Kelly und Take That erzählen in „Feel My Love“ von einer Liebe, die ohne zurückzuschauen optimistisch nach vorn blickt. Für den, der die religiösen Momente ausklammert, ein wunderschönes Liebeslied – für religiös sozialisierte Menschen eher ein Trost- und Segenslied, das seine Zuversicht aus der Bibel und dem Glauben an Gott schöpft. Vielleicht ist das genau das Geheimnis des Songs: Nach außen gibt er sich als ganz normaler Popsong; aber er scheint verfasst zu sein als Gebet für Menschen, die vielleicht niemals beten würden.
Begleitung durch Höhen und Tiefen
Liebesbekundung oder Gebet – letztlich entscheidet die Hörerinnen und Hörer selbst, wie sie „Feel My Love“ interpretieren. Der Song will das auch gar nicht. Er macht dasselbe, was die Psalmen seit über 3000 Jahren tun: Er begleitet seine Hörerinnen und Hörer durch Höhen und Tiefen, durch versteinerte Momente und durch das Grau eines Regentags im November – immer verbunden mit der Zusage: Wohin auch immer du in Zukunft gehen magst, wirst du diese Liebe spüren.
Chapeau! Ganz, ganz großes Kino!
Take That & Michael Patrick Kelly – „Feel My Love“
Der bei Radio Salü gesendete Beitrag ist eine Kurzfassung dieses Textes.
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