Dara – Bangaranga
Kennen Sie den? Singt ein deutscher Interpret beim ESC – und es gewinnt… jemand bei uns völlig Unbekanntes. Dieses Mal: Dara mit „Bangaranga“.
Dass der deutsche Beitrag beim diesjährigen ESC einmal mehr am Ende der Platzierungen zu finden ist, nämlich auf Platz 23 und damit wieder einmal unter „ferner liefen“, ist keine wirkliche Überraschung. Zumindest nicht für den, der den ESC über die letzten Jahrzehnte verfolgt hat.
Ausgerechnet Bulgarien? Chapeau!
Überraschend dagegen der Sieg für Bulgarien: Erst seit 2005 nimmt das osteuropäische Land am ESC teil. Nur fünfmal kamen die Bulgaren überhaupt in die Endrunde des Songspektakels. Konsequent nahmen sie zwischen 2022 und 2025 gar nicht mehr am Sangeswettbewerb teil. (Den Satz, dass man auch aus deutscher Sicht mal die eigene Position überdenken könnte, statt mit schöner Regelmäßigkeit Künstlerinnen und Künstler zu verheizen, lassen wir an dieser Stelle weg. Allein schon, weil bekanntermaßen Ausnahmen die Regel bestätigen…)
Dara – Bangaranga
Am vergangenen Samstag dann die Sensation: Während die Buchmacher die mit Abstand besten Siegeschancen ganz klar Finnland und Australien zuschrieben, gewann dann ein Land, das die Wettbüros eine Woche zuvor auf einem bescheidenen 16. Platz gesehen hatten: Bulgarien. Und da es ja weniger um Länder, als vielmehr um Künstler und ihre Songs geht oder zumindest gehen sollte, müsste es richtigerweise heißen: Sieger ist Dara mit ihrem Song „Bangaranga“.
Darina Nikolaewa Jotowa
Nun werden allenfalls Bulgarien-Urlauber schon einmal von Darina Nikolaewa Jotowa, kurz Dara, gehört haben. Wer will, kann einmal in „Call Me“, „Mr. Rover“ oder „Thunder“ hineinhören und versteht dann vielleicht, warum Videoclips und Songs von Dara nicht nur die bulgarischen Airplay-Charts teilweise wochenlang dominieren, sondern warum die Künstlerin sich über mehr als 80 Millionen Abrufe im weltweiten Netz freuen kann. Und, ja, „Rover“, veröffentlicht von Kai von der südkoreanischen K-Pop-Gruppe EXO, ist eine Neuaufnahme von Daras „Mr. Rover“.
The X Factor
Insofern kommt der Sieg Daras zumindest für Bulgaren nicht ganz so überraschend. Schließlich haben die Bulgaren Daras Schritte auf den Brettern, die die Welt bedeuten, ausgiebig verfolgt: Dass sie an einer nationalen Kunstschule ihre Bühnenpräsenz, vor allem aber ihre Stimme schulte, weiß in Bulgarien jeder, der Dara 2015 als Drittplatzierte bei der länderspezifischen Adaption von „The X Factor“ erlebt hat. Und die Bulgaren kennen sie als Coach und Mentorin bei „The Voice Of Bulgaria“ sowie als Teilnehmerin bei „Dancing Stars“, wo sie einen großartigen zweiten Platz erringen konnte. Was das Musikalische anbelangt: 2016 erschien mit „K’von ne chu“ Daras erste Single, 2022 ihr erstes Album „Родена такава“, was man etwa mit „so geboren“ übersetzen kann, im letzten Jahr ihr zweiter Longplayer „ADHDARA“.
Kyrillische Schriftzeichen
Wer auf die Albumcover schaut, wird sich schlagartig bewusst: Ohne Kenntnis kyrillischer Schriftzeichen geht da wenig. Warum auch? Auf ihre Schrift sind die Bulgaren wahrscheinlich genauso stolz wie auf ihre ESC-Gewinnerin. Immerhin wurde diese Schrift vor rund 1.200 Jahren in Bulgarien höchstselbst entwickelt und unterscheidet sich ein wenig von der russischen Variante des kyrillischen Alphabets. Stichwort „Unterscheidung“: Dass die ESC-Siegerin also bulgarisch singt, unterscheidet diese Dara von den meisten anderen Künstlerinnen desselben Namens. Die Musikdatenbank Discogs listet die Dara, um die es in diesem Artikel geht, mit der Laufnummer 22.
Sprachliche Anleihen
Bleiben wir aber doch noch einen Moment bei der Sprache: So wie das bulgarische kyrillische Alphabet (im Gegensatz zum russischen) einige wenige Anleihen bei der lateinischen Schreibschrift nimmt, so tauchen auch in der bulgarischen Alltagssprache immer wieder Anglizismen oder sonstige „internationale Einflüsse“ auf. Das gilt auch für Daras Siegertitel: Denn „Bangaranga“ stammt ursprünglich aus dem jamaikanischen Patois. Bei diesem Stichwort fallen – zumindest aus deutscher Sicht – sofort Namen wie Gentleman, Patrice, Dr. Ring-Ding und Tippa Irie ein – aber das sind allesamt Reggaemusiker.
Wer kennt schon Arawak?
Stimmt, aber auch und gerade sie verwenden in ihren Songs diese faszinierende Sprachmischung, die aus einer Mixtur der unterschiedlichen Heimatsprachen ehemaliger westafrikanischer Sklaven, dem Englisch der britischen Sklavenhalter und Besatzer mit der Sprache der Arawak, also der von Südamerika in die Karibik eingewanderten indigenen Völker, entstanden ist. (Und ja, als Kolumbus 1492 erstmals indigenen Völkern in der Karibik begegnete, waren das Arawaken. Womit sich der Geschichts-Leistungskurs endlich einmal ausgezahlt hat…)
Chaos, Aufruhr, Rebellion
Das kreolische „Bangarang“ (ohne End-A!) steht üblicherweise für Chaos, Aufruhr und Rebellion. Die bulgarische Adaption „Bangaranga“ (mit End-A!) meint eine selbstbewusste, rebellische und kämpferische Frau. Dementsprechend heißt es im Song:
„Wach auf! Gib dich den blendenden Lichtern hin.
Niemand wird heute Nacht schlafen.
Willkommen beim Aufruhr.
Ich bin der Bangaran:
Ich bin ein Engel, ich bin ein Dämon, ich bin ein Psycho ohne Grund.“
Ich bin ein Macher, ich bin ein Provokateur, ich folge nicht, ich bin der Anführer.“
Engel und Dämon zugleich
Engel und Dämon gleichzeitig – wäre er noch am Leben, würde der Schweizer Psychologe Carl Gustav Jung vermutlich kräftig applaudieren. Denn seiner Theorie zufolge akzeptieren wir zwar gern die guten Seiten in uns. Dass wir aber auch Schatten haben, verdrängen wir gern. Mit „Schatten“ meint Jung vor allem böse Impulse, Aggressionen, Sexualität und unterdrückte Instinkte. Nicht das Verdrängen, sondern das Anerkennen des Dämons aber ist laut Jung ein erster Schritt zur psychischen Gesundheit.
Fehler sehen, um sie zu bekämpfen
Oder anders formuliert: Nur wer seine Fehler wirklich sieht, kann sie auch bekämpfen. Wem das aber gelingt, der sprüht vor positiver Energie. In Bangaranga hört sich das so an:
„Ich bin ein Rebell, ich bin eine Gefahr,
ich bin eine Vorkämpferin für die Freiheit.“
Denn: Wer seine Schwächen ausblendet, wer in sich immer nur den Engel sieht, ist in Wirklichkeit einseitig, starr… und bleibt so, wie er ist. Verbesserung, psychisches Wachsen und Weiterentwicklung – ausgeschlossen. Im Grunde eine uralte Erkenntnis. Denn schon seit rund 1.500 Jahren geht die indische Weisheitslehre der Tantren davon aus, dass erst die Vereinigung von Gegensätzen zur Vollkommenheit, zur sogenannten Erleuchtung führt.
Kampf bedarf Hilfe
Seine eigenen Schwächen zu sehen, an ihnen zu arbeiten und sie zu überwinden – das geht oft nicht ohne Hilfe. Ein Umstand, den Dara nur zu genau kennt: Sie dankte vor allem ihren Mann, so die 26-jährige nach ihrem ESC-Sieg. Denn der habe sie überhaupt zur Teilnahme am ESC motiviert. Mit seiner Hilfe habe sie kurz vor dem Wettbewerb auch eine der gefürchteten Panikattacken überwunden. Das Streben nach Perfektion sei in unserer Gesellschaft ein großes Problem, sagt die Sängerin, die aus ihrer ADHS-Erkrankung und ihren ständigen Selbstzweifeln keinen Hehl macht.
Am Abgrund
Aber weil sie ihre Probleme kennt, sie ernstnimmt und gegen sie angeht, kann sie sie überwinden, würde der Psychologe C. G. Jung entgegnen. Ein Prozess, der unglaublichen Mut, aber auch viel Kraft kosten kann. Als Beleg würde Carl Gustav Jung vermutlich folgende Passage aus Daras Song zitieren:
„Am Abgrund, ich spüre es in mir.
Ich bin kurz davor, den Verstand zu verlieren.“
Aber der Kampf gelingt. Und so kann Dara singen:
„Ich bin ein Rebell. Ich bin eine Gefahr:
Ich bin ein Vorkämpfer für die Freiheit!“
Frauenbild
Im Song geht es auch um ein fest geprägtes, konservatives Frauenbild. Denn auch hier gilt: Wer anders denkt als die meisten oder mit alten Klischees bricht, wird oft erst einmal misstrauisch beäugt. Männer, die an alten Rollenbildern festhalten, um Frauen zu beherrschen, fühlen sich besonders bedroht, wittern Rebellion und reagieren darauf oft mit Ablehnung. Diesen Kampf aufzunehmen, ist ganz im Sinne Daras. Denn Freiheit ist das höchste Gut, um das es sich zu kämpfen lohnt. Es geht also um eine gerechte, längst überfällige Angelegenheit.
Untergang, damit etwas Neues entstehen kann
Das Zerbrechen von Strukturen, die in Wahrheit überkommen sind, ist notwendig, damit etwas Neues entstehen kann. Wenn man so will: ein heiliges Chaos! Dazu müssen im Alltag aber die Mauern der einschläfernden Scheinsicherheit fallen. Stattdessen sollten, so Dara, wir allem aufwachen: aus dem Dämmerschlaf des Alltags zu einem aktiven, selbstbestimmten Leben aufbrechen.
Neuausrichtung des Lebens
Theologen werden darin sofort Parallelen zur christlichen Taufe oder dem buddhistischen Erwachen erkennen – tief in die jeweilige Tradition eingebettete Situationen, die eine Neuausrichtung des Lebens zur Folge haben. Ob die „blendenden Lichter“ dabei symbolisch auf mystische Erfahrungen oder ein göttliches Licht anspielen, muss jeder für sich selbst entscheiden. Zwar lässt etwas Blendendes zumindest keine rationale Erfassung zu. Aber diese Passage passt auch hervorragend zur Performance des Songs.
Verzicht auf Strophe-Refrain-Schema
Der setzt den soeben skizzierten Inhalt übrigens auch musikalisch um, bricht mit den gängigen Klischees von Schlager und Pop: Wer nach sich wiederholendem Aufbau mit Strophe und Refrain sucht, wird in Bangaranga nicht fündig. Um aber Spannungsmomente aufzubauen, wechselt der Song mehrfach das Tempo, schafft mit instrumentalen Passagen kleine Leerstellen, und geht dann wieder „in die Vollen“.
Angst, Scham und Unsicherheit als innere Dämonen
Ein letztes Mal zurück zu Carl Gustav Jung: Den würde freuen, wie Dara selbst ihren Song sieht: Sie glaube, dass wir alle auch unsere inneren Dämonen haben und all diese modernen Dämonen vertreiben können. Dazu gehören Ängste, Scham und Unsicherheiten. Die, so die Künstlerin, könnten wir einfach verjagen, indem wir ein Bangaranga sind. Also: indem wir mutig sind, zu hundert Prozent wir selbst sind und diesen Vorstellungen treu bleiben.
Bekenntnisse einer selbstbewussten, kämpferischen jungen Frau mit rebellischem Charakter.
Dara – „Bangaranga“
Äääääh, und ein Nachtrag: Ganz so viel Inhalt ist – bei aller Sympathie – in deutschen Beiträgen beim ESC seit vielen Jahren nicht zu finden…
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Der bei Radio Salü gesendete Beitrag ist eine Kurzfassung dieses Textes.
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