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Police, The – So Lonely

1978 floppte The Police mit „So Lonely“ erbarmunglos. Auf der ersten Blick irgendwie logisch. Denn mit 54 Wiederholungen des Refrains, dazu geklauten Akkorden – so etwas funktioniert einfach nicht. Allerdings ging es „So Lonely“ übrigens nicht besser als den beiden vorherigen beiden Singles „Roxanne“ und „Can’t Stand Losing You“. Das alles änderte sich, als im Folgejahr „Roxanne“ doch noch radio airplay bekam. Und nach und nach alle drei Songs endlich Hits wurden. Von da an folgten für Stewart Copeland, Andy Summers und Gordon Matthew Sumner alias Sting Hit auf Hit. Doch der Reihe nach…

Sting: katholisch erzogen

Das Northern Counties Teacher Training College dürfte Sting so etwas wie der „berühmteste Sohn“ sein. Denn hier, in Newcastle, absolvierte Gordon Matthew Thomas Sumner seine Lehrerausbildung. Englisch, Sport und – man ahnt es schon – Musik waren „seine Fächer“. An der St. Paul’s First School, einer katholischen Grundschule für Jungen und Mädchen ganz in der Nähe von Newcastle, trainierte er unter anderem die dortige Mädchen-Fußballmannschaft.

Don’t Stand So Close To Me – Verbotene Liebe?

Ob „Don’t Stand So Close To Me, das von der verbotenen Liebe zwischen einem Lehrer und einer Schülerin handelt, autobiographisch Züge trägt, wäre eine aus der Luft gegriffene, unzulässige Spekulation. Dass es hingegen zwischen pubertierenden Mädchen und einem attraktiven Lehrer tatsächlich gelegentlich knistert, ist eine Erfahrung, von der so mancher Lehrer zu berichten weiß – wenn auch nur hinter vorgehaltener Hand. Man weiß ja nie, was andere daraus machen.

Wespe oder Biene = Stachel

Dass der schwarz-gelb gestreifte Pulli, den Sumner als Bassmann bei seinen Auftritten mit der Jazz-Formation Phoenix Jazzmen mit Vorliebe trug, für Schülerinnen der 1970er Jahre einen „attraktiven Lehrer“ aus ihm machte, ist zweifelhaft. Aber, nun ja, wir sind in England… Wie auch immer: Irgendwann formulierte Bandkollege Gordon Solomon salopp, in diesem Pulli sehe Sumner aus wie eine Wespe oder Biene, und schon nannte er ihn neckisch Stachel, Sting. Das saß. Selbst seine Mutter, seine Ehefrau und seine Kinder nennen die Musiker längst so. Sollte ihn tatsächlich auf der Straße mal jemand mit „Gordon“ ansprechen, würde er sich nicht angesprochen fühlen, so Sting Jahre später.

Von der Newcastle Big Band bis zu Last Exit

Zwischen 1974 und 1976 arbeitete Sting als Lehrer – dann packte ihn die Musik vollends. Schon irgendwann zwischen 1971 und 1973, vielleicht 1974, verdiente sich Sting bei der Newcastle Big Band erste Sporen, stand unter anderem beim legendären Jazz Festival im nordspanischen San Sebastian auf der Bühne. Teilweise parallel dazu spielte er bei den bereits erwähnten Phoenix Jazzmen und bei Earthrise, eine Formation, die Jazz mit Rock mischte.
Erste eigene Songs schrieb Sting bei seiner nächsten Station, den Last Exit, einer Jazz-Fusion-Band, die sich im Nordosten Englands durchaus einen gewissen Bekanntheitsgrad erspielte. Glücklich, wer in dieser Zeit oder kurz danach auf dem Trödel eine Kassette dieser Formation entdeckte…
Als Stewart Copeland mit seiner damaligen Band „Curved Air“ auf Tour war, machte ihn der Musikjournalist Phil Sutcliffe auf die lokal bekannte Gruppe Last Exit aufmerksam. Bei seinem Konzertbesuch war der Schlagzeuger vor allem beeindruckt von der Bühnenpräsenz des charismatischen Bassisten und Sängers Sting. Nach dem Konzert machte Sutcliffe Copeland und Sting miteinander bekannt – im Rückblick Grund genug, um den 25. September 1976 als rockhistorisch zu bezeichnen.

Strontium 90

In der nur kurz (1976/1977) existierenden Formation Strontium 90 spielten erstmals Stewart Copeland, Sting und Andy Summers (sowie Gong-Bassist Mike Howlett) zusammen. Bei einem im Mai 1977 als Gong-Reunion-Konzert deklarierten Gig wurden Songs mitgeschnitten, die Howlett 20 Jahre später als Strontium 90 auf dem Album „Police Academy“ erstmals veröffentlichte.

The Police

Bereits im Januar 1977 war Sting mit seiner Frau und seinem Sohn nach London umgezogen. Parallel zu Stings Mitgliedschaft bei Strontium 90 holte Stewart Copeland den Bassisten in seine neue Band, die er bereits Ende 1976 gegründet hatte: The Police, anfangs noch mit Gitarrist Henry Padovani. Erst als dieser 1977 das Handtuch warf, stieg auch Andy Summers ein – das Erfolgstrio, das unter dem Namen The Police von nun an weltweit für Furore sorgen sollte, hatte sich gefunden.

Debütsingle in Box-Set

Zurück zu den ersten Veröffentlichungen: Die am 1. Mai 1977 veröffentlichte Debütsingle „Fall Out“ b/w „Nothing Achieving“ floppte und ist heute als Vinylpressung, wenn überhaupt, dann allenfalls zu horrenden Preisen erhältlich. Wer die beiden Songs trotzdem hören will, sollte sich das 1993 erschienene Box-Set „Message In A Box (The Complete Recordings)“ besorgen. Die nächsten drei Singles haben wir bereits eingangs erwähnt. Nachdem „Roxanne“ nach monatelanger Verspätung endlich Airplay erhalten hatte, wagte A&M-Records 1979 (!) eine Wiederveröffentlichung. Mitte März 1980 erreichte „So Lonely“ Platz 6 der britischen Charts.

Alter Text, geklaute Lyrics = The Police – „So Lonely“

Den Text hatte Sting noch während seiner Zeit bei Last Exit geschrieben, also irgendwann zwischen 1974 und 1976. In dem Buch „Lyrics by Sting“ räumte Sting ein, dass er für diesen Song schamlos die Akkorde von Bob Marleys „No Woman No Cry“ verwendet habe. Stings reggae-geprägter Basslauf führt zu einem geradezu beschwingten Rhythmus der Strophe, der immer wieder von wuchtigen Rock-Passagen unterbrochen. Bezeichnen könnte man das Ganze auch als massive Brechung: Unglaublich, wie fröhlich ein Song über das Elend klingen kann.

Inszenierung

Schon der Beginn des Police-Songs „So Lonely“wirkt wie eine Inszenierung:

„Gestern hat mir jemand gesagt,
dass du, wenn du deine Liebe wegwirfst,
so tust, als wäre es dir völlig egal.
Du siehst aus, als würdest du irgendwohin gehen.“

Fassade

Wenn eine Beziehung zerbricht, verhalten sich viele Menschen so, als gehe es ihnen gut, so, als sei ihnen das Ende einer Liebe gleichgültig. Eine Fassade, die Sting in „So Lonely“ nicht aufrechterhalten will:

„Ich kann mich einfach nicht davon überzeugen,
dass ich mit jemanden anderen leben könnte.
Und ich kann nur diese Rolle spielen
und dasitzen und mein gebrochenes Herz pflegen.“

Blaise Pascal: Das Elend des Menschen

Damit aber sind wir beim Kern des Songs: Auch dann, wenn man sich hundeelend fühlt, spielt man oft eine Rolle. Andere sollen die Einsamkeit und das persönliche Gefühlschaos möglichst nicht mitbekommen. Für Außenstehende bedeutet das: Einsamkeit wird nicht sichtbar an dem, was gesagt wird, sondern an dem, was nicht gesagt wird – ein Merkmal auch für andere Situationen, in denen es Menschen psychisch schlecht geht. Der Einsamkeit, der Stille zu entgehen – schon vor rund 400 Jahren formulierte der Mathematiker und Physiker Blaise Pascal sehr philosophisch:

„Das gesamte Elend des Menschen besteht darin, dass er sich selbst nicht ruhig in seinem Zimmer sitzen lassen kann.“
(vgl. Blaise Pascal, Pensées (Gedanken über die Religion und über einige andere Themen), 1670 [posthum veröffentlicht], Reclam, Ditzingen 2021).

Hauptrolle im leeren Theater

Eine Rolle zu spielen, anderen etwas vorzumachen – die Rolle eines Schauspielers in einem Theater greift Sting in „So Lonely“ noch einmal auf:

„Willkommen zu dieser Ein-Mann-Show!
Nimm einfach Platz, die Plätze sind immer kostenlos.
Keine Überraschung, kein Geheimnis:
In diesem Theater, das ich meine Seele nenne,
spiele ich immer die Hauptrolle!“

Das Bild des Theaters ist nicht nur eine totale Selbstbeobachtung, sondern gleichzeitig auch eine radikale Selbstinszenierung: Sting ist Regisseur, Darsteller, Publikum und sogar die Bühne in einem. Niemand anderes ist da. Sein Leid ist ein Solostück ohne Zuschauer, das trotzdem stattfinden.

Nachwirkung der Jesuitenschule?

Dass hier die Seele mit ins Spiel kommt, ist ein theologischer Reflex. Der ist wohl dem Umstand zu verdanken, dass Sting religiös erzogen wurde: So besuchte er als Jugendlicher die von Jesuiten geleitete katholische St. Cuthbert’s High School und wirkte an Gottesdiensten sogar als Ministrant mit.

Kirchenvater Augustinus: Theater im Kopf

Gut möglich, dass Sting die Idee von der Seele als Ort des inneren Schauspiels aus seinem Religionsunterricht kennt: Denn der Kirchenvater Augustinus, in seiner Jugend leidenschaftlicher Theaterbesucher, beschreibt seine Seele als eine Bühne des Kampfes, auf der seine Gewohnheiten und Begierden sich wie lebendige Figuren gegenseitig bekämpfen – was wie eine Tragödie im Theater anmutet (vgl. Augustinus – Confessiones, Buch 8, Kap. 7–11, Reclam, Ditzingen 2009). Ob Sting allerdings Einsamkeit, wie Augustinus, als Gottesferne ansieht, bleibt zumindest offen.

Am Ende: Nur noch gestammelte Fragmente

Ein Stück weit schlägt auch der Englischlehrer Sting durch, der seinen Schülerinnen und Schülern auch die literarische Gestaltung von Texten nahebringen musste. Im Outro von „So Lonely“, also dann wenn der Song die seelische Not am deutlichsten hervortreten lässt, bricht die Syntax des Textes regelrecht zusammen. Statt ganzer Sätze stammelt der Sänger nur noch Satzfragmente:

„Schlecht, mir geht es schlecht.
Ich fühle mich so einsam, einsam, einsam, einsam.
So einsam.
So einsam (ich fühle mich so allein).“

The Police – „So Lonely“: Mantra-artige Klage

Wenn die Sprache nicht mehr hilft, wird sie fragmentiert und wiederholt sich – bei „So Lonely“ sogar mantra-artig, wie es katholische Christen vom Beten des Rosenkranzes kennen: Durch das schier endlose Sprechen einer kurzen Sequenz soll sich das gesprochene Wort in ein Erlebnis verwandeln. Oder vollständig verflüchtigen.

Stimme gegen die Einsamkeit

The Police liefern mit „So Lonely“ keinen optimistischen Song. Denn er stellt die Einsamkeit nicht als vorübergehenden Zustand dar, sondern als grundsätzliche menschliche Erfahrung. Doch der Song hält der Einsamkeit immerhin eines entgegen: eine Stimme. Jemand, der – stellvertretend für alle, die schweigen – hinausschreit, wie einsam er ist. Fünfzigmal, hundertmal, so oft wie es eben notwendig ist. Wer seine Not verschweigt, bleibt allein mit ihr. Nur wer sie ausspricht, kann verstanden werden.
Und deshalb gilt: Wer diesen Song hört und mitsingt, ist drei Minuten lang weniger allein: Er teilt seine Gefühle mit Millionen. Das verhindert keine Einsamkeit – aber es nimmt ihr das Verstummen, das Verheimlichen vor anderen, das die eigene Erstarrung nur verfestigt.

The Police – „So Lonely“

Der bei Classic Rock Radio gesendete Beitrag ist eine Kurzfassung dieses Textes.
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