Merton, Alice – Visions
Und will mich keine große Plattenfirma, dann gründe ich eben mein eigenes Label! Wer so denkt, zeigt, dass er für seine Ideen eintritt, präsentiert sich als Kämpfer. In diesem konkreten Fall: als Kämpferin. Denn gemeint ist Alice Merton. Für die, die sich nicht erinnern: Bereits ihre erste Single „No Roots“ avancierte vor ziemlich genau zehn Jahren zu einem weltweiten Hit. Rund 400 Millionen Klicks – Wahnsinn für eine Newcomerin. Dass zudem ihr Debütalbum „Mint“ 2019 Platz 2 der Deutschen Albumcharts erreichte, war ein Riesenerfolg für die damals 23jährige Ex-Studentin der Popakademie Baden-Württemberg.
Frankfurt, USA, Kanada, Allgäu, England
Geboren wurde Alice 1993 in Frankfurt als Tochter einer deutschen Mutter und eines irischen Vaters. Da Papa als Bergbauingenieur arbeitete, gab es immer wieder Standortwechsel: unmittelbar nach Alices Geburt ging es in die USA, später nach Kanada. Dort begann sie ihre klassische Klavier- und Gesangsausbildung, was man ihrer großartigen Stimme bis heute deutlich anhört. Als 13jährige kam sie mit ihrer Familie zurück nach München. Damals begann Alice erst einmal Deutsch zu lernen – für manch Hochdeutsch-Sprechenden mit Blick auf den Dialekt, der dem Bayernland immer wieder gern unterstellt wird, zumindest Fragen aufwirft. Erschwerend kommt hinzu, dass im Allgäu – also auch Bayern – ein Ferienhaus seit beinahe 100 Jahren im Familienbesitz ist.
Leberkäse und Weißwürste
Wer zum engen Freundeskreis der Sängerin zählt, darf Alice gelegentlich dorthin begleiten und sich an dem malerischen Blick auf das vermeintliche Märchenschloss Neuschwanstein erfreuen. Wer jetzt noch Leberkäse, Weißwürste und andere typisch bayerische Gaumenfreunde assoziiert, liegt bei Alice Merton goldrichtig. Aber das nur am Rande…
No Roots
Frankfurt, USA, Kanada, Allgäu, Südengland und mittlerweile London – die Orte, die das Leben der bald 33jährigen Musikerin bestimmen und prägen, sind vielfältig. Und unterschiedlich. Wie man sich fühlt, wenn man überall und nirgends zu Hause ist – vielleicht war das der Erfolg für ihr autobiographisches „No Roots“. Und vielleicht ist auch diese Bindungslosigkeit der Grund, warum Alice Merton ihr drittes Album „Visions“ an sehr unterschiedlichen Orten aufnahm: einen Teil, na klar, in den Musikmetropolen New York und Los Angeles. Aber sieben der insgesamt 13 Albumtracks entstanden im Flóki Studio in Nordisland auf Island. Und damit im nördlichsten Studio der Welt.
Mit dem Kopfkino nach Island
Schalten wir jetzt noch einmal das Kopfkino ein: Island ist bekannt für seine wunderschöne raue und wilde Landschaft, dem Schauplatz unzähliger Sagen über geheimnisvolle Wesen wie Elfen, Zwerge und Trolle; dafür, dass es ein halbes Jahr lang nicht richtig dunkel, zum Ausgleich dafür das andere halbe Jahr nicht richtig hell wird; und natürlich für seine Vulkane, seine heißen Quellen und Geysire, die in unregelmäßigen Abständen Wasser und Dampf aus unterirdischen Reservoirs fauchend in die Luft stoßen.
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Visions
Von diesen Fontänen scheint vor allem die vierte Single, gleichzeitig der Titeltrack des Albums, „Visions“, musikalisch inspiriert zu sein. Inhaltlich haben persönliche Erlebnisse Spuren hinterlassen. Denn im Song geht es um Zweifel, innere Visionen und das Bedürfnis nach Anerkennung. Alice singt voller Energie:
„Blinder Glaube! Ich schreie wütend zu den Göttern.
Ich weine am Tor zum Ozean.
Ich drehe mich weiter, wende mich ab, ändere meine Wege.
Blinder Glaube, ich flüstere leise: Bleib!
Meine einzige wahre Liebe existierte.
Was muss ich tun, damit du siehst,
dass ich nicht verrückt bin?
Ich bin nicht krank, meine Träume widersprechen dem nicht.
Was muss ich tun, damit du das Licht siehst?
Denn ich bin so müde von all deinen Fragen, all deinen Zweifeln.
Mein Herz wird damit leben müssen.“
Poetische Bilder
Das Gefühl, das Alice Merton in beeindruckenden sprachlichen, ja sogar poetischen Bildern darstellt, hat vielleicht jeder schon einmal erlebt hat: dass Freunde, die Familie oder Kolleginnen und Kollegen die eigenen Vorstellungen und Erkenntnisse nicht verstehen, weil die sich nicht mit dem üblichen Mainstream decken; und dass man deswegen „nicht dazugehört“ und schleichend zum Außenseiter wird, von den Anderen isoliert ist und nicht anerkannt wird.
Durch Höhen und Tiefen
Es gibt sie eben, diese Höhen und Tiefen, diese Tage, an denen nichts oder nur wenig gelingt. Tage, an denen Zweifel aufkommen und man sich selbst in Frage stellt – aber sich doch von einem bestimmten Projekt nicht abbringen lassen möchte, so Alice Merton. Mit ihrer außergewöhnlichen Bildsprache klingt das im Song so:
„Ich ertrinke im Pool der Zweifel,
den du vor meinem heiligen Haus hinterlassen hast.“
Bis an die Grenze
Alles scheint wie eine gewaltige Welle über einem zusammenzuschlagen, man droht unterzugehen, zu ertrinken. Was sich schrecklich anhört, hat dennoch etwas Tröstliches, etwas, das sich zum Beispiel Extremsportler zunutze machen: Erst wenn es an den Rand des Existentiellen geht, sind Grenzerfahrungen möglich, also Erfahrungen, die jenseits aller Alltagserfahrungen liegen. Für Künstler heißt dies: Das Aufgeben von rationalen Sicherheiten ist notwendig, um so etwas wie eine tiefere Einsicht, eine tiefere Wahrheit zu gewinnen.
Risikobereit und beharrlich
Für die Künstlerin Alice Merton, die unbeirrbar ihre eigenen Vorstellungen verfolgen möchte, bedeutet dies: möglichst unabhängig und selbstbestimmt mit Risikobereitschaft und Beharrlichkeit an den eigenen Eingebungen, dem eigenen Bauchgefühl, den eigenen Vorstellungen vom Leben, in diesem Fall von ihrer Musik festzuhalten. Nichts, was man nicht lernen könnte. Oder wie es in „Visions“ heißt:
„Meine Lungen haben gelernt zu atmen
trotz deiner drängenden Ungläubigkeit.“
Nicht wegducken, sondern sich Zweifeln stellen
Die Lehre aus „Visions“: Zweifeln im Leben begegnest du nicht mit Resignation, sondern indem du dich ihnen stellst. Und zwar entgegenstellst. Durch ihr unbeirrtes kreatives Schaffen, mit dessen Ergebnis die Künstlerin vor begeisterten Menschen auf der Bühne stehen kann, entsteht die gesuchte Bestätigung. Der Erfolg heilt alle Wunden, die im Kampf gegen die eigenen Zweifel und die der Kritiker geschlagen wurden.
Ein Prozess übrigens, der andauert, solange sich ein Mensch ernsthaft darum bemüht, seinen eigenen Ideen zu verfolgen und sie nicht dem Mainstream zu opfern.
Zutiefst getroffen
Alles keine Theorie, sondern bei Alice Merton autobiographisch geprägt: Denn den größeren Teil des Albums auf Island aufzunehmen, war kein Zufall: Eine Person aus ihrem engsten Umfeld, die Alice nicht näher benennt, äußerte sich nach Hören der ersten Demos so hart und vernichtend, dass die Deutsch-Irin einige Zeit brauchte, um darüber hinwegzukommen. Dann aber die Erkenntnis: Wenn sie ihre Visionen (sic!) von ihrem Album weiterhin verfolgen wollte, musste sie sich herunterziehenden Kritiken, am besten sogar allen äußeren Einflüssen komplett entziehen. Die Abgeschiedenheit irgendwo am nördlichen Ende der Welt wurde zum perfekten Ort, um sich voll auf das neue Album zu konzentrieren. Auch die ungewohnte, atemberaubende Landschaft begünstigte eine kreative Atmosphäre des Schaffens. Die Erfahrung, aus Widerständen Kraft schöpfen zu können, sich kurz an ihnen zu reiben, dann aber seinen eigenen Weg umso bewusster weiterzugehen, ließen die Künstlerin und ihr Schaffen wachsen.
Tiefere Wahrheit
Tiefes, blindes Vertrauen – das ist es, wofür Alice Merton letztlich steht. Wem sie selbst blind vertraut, woher sie ihre Kraft nimmt, trotz persönlicher Anfeindungen und trotz lauter Zweifler an ihren Vorstellungen festzuhalten, sagt sie nicht. Seine Visionen beharrlich zu verfolgen, fest daran zu glauben, dass man es schaffen kann, und dabei die Suche nach einer tieferen Wahrheit nie aus dem Blick zu verlieren, Alice Merton präsentiert nicht nur einen eindrucksvollen Song, sondern gleich auch ein Patentrezept für die Bewältigung vieler Krisen im Alltag. Eine starke Frau mit einem starken Song. Und der gibt all denen Hoffnung, die an ihren eigenen Fähigkeiten zweifeln und deshalb vielleicht auf die Verwirklichung ihrer persönlichen Träume verzichten.
Nachtrag: Im März 2026 ist Musikerin auf Europa-Tournee, darunter auch an sieben Terminen in Deutschland.
Der bei Radio Salü gesendete Beitrag ist eine Kurzfassung dieses Textes.
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