Humberstone, Holly – To Love Somebody
Wembley-Stadion, London: In diesem Stadium wurde Deutschland am 30 Juli 1966 durch ein Tor, das keins war, um den Gewinn der Fußballweltmeisterschaft gebracht. Hier spielten am 13. Juli 1985 David Bowie, die Dire Straits, Elton John, Paul McCartney, Queen, Santana, Status Quo, Sting, Wham!, The Who und viele andere bei Live-Aid, dem größten Charity-Konzert aller Zeiten. Und im selben Londoner Stadion gab Michael Jackson im Sommer 1988 sieben Konzerte vor insgesamt 504.000 Menschen. Wahnsinn.
Neues Wembley-Stadion
2003 wurde die damals 80 Jahre alte Traditionsarena abgerissen. Doch der Wahnsinn geht seit 2007 auch in dem an selber Stelle errichteten Neubau weiter: 2011 füllten Take That mit sagenhaften acht Auftritten das neue Wembley-Stadion; ebenfalls achtmal konnte Taylor Swift 2024 die Arena füllen. Doch der jüngste Rekordhalter sind Coldplay: Die vier Ex-Studenten aus London lockten von August bis September 2025 zu sagenhaften zehn Konzerten in ihre Heimatstadt. Erst recht: Wahnsinn!
Unmittelbar vor Taylor Swift
Abseits der Rekorde ist vor allem ein Ereignis von Bedeutung: Bevor Taylor Swift am 16. August 2024 die Bühne betritt, bekommt SIE die Chance ihres bisherigen Künstlerlebens: Holly Humberstone. Zumindest im UK ist die Singer-Songwriterin aus Grantham, ca. 40 Kilometer östlich von Nottingham, zu diesem Zeitpunkt nicht mehr völlig unbekannt: So erspielt sich die Tochter zweier Ärzte bereits 2019 bei legendären Glastonbury-Festival auf der „Introducing-Stage“ erste Fans. Ein Jahr später kann sie ihren selbstgeschriebenen Song „Hit & Run“ auf „Music Introducing“, einer Plattform der BBC für noch unbekannte Künstlerinnen, platzieren. Eine Nominierung bei der Wahl zur interessantesten neuen Popgröße folgt. Ende 2021 kann sich sich Holly Humberstone erstmals ein Krönchen aufsetzen: Bei den renommierten BRIT Awards wird sie mit dem Rising Star Award 2022 ausgezeichnet.
Unbedingt Lücken füllen
Zwischenzeitlich arbeitete sie mit Sam Fender zusammen und veröffentlichte dessen „Seventeen Going Under“ in einer bemerkenswerten akustischen Version. Wer unter „Humberstone“ noch eine Lücke in der eigenen Musiksammlung besitzt, kann diese leicht durch Hollys 2020er Erstling, die EP „Falling Asleep At The Wheel“, den Nachfolger „The Walls Are Way Too Thin“ (EP, 2021) und ihr Debutalbum „Paint My Bedroom Black“ aus dem Jahr 2023 füllen. Im Juni letzten Jahres erschien Hollys „Miss You To Death“ im Rahmen des Soundtracks zur zweiten Staffel „The Bucaneers“ bei Apple-TV.
Von „Die Happy“ zu „To Love Somebody“
Hollys im November 2025 erschienen Single „Die Happy“ knüpft nicht nur thematisch an die Vorgängerveröffentlichung an. Sie ist gleichzeitig die erste Auskopplung auf Hollys zweites vollständiges Album „Cruel World“, das in wenigen Wochen (26. April 2026) erscheinen wird. Zwischenzeitlich hat die klavierspielende Sängerin (oder singende Pianistin?) mit „To Love Somebody“ eine zweite Vorab-Single veröffentlicht. Etwas beschwingter und positiver als bei früheren Songs singt Holly:
„Du bist also gegen die Wand gekracht,
räumst die Scherben bei Seite
und denkst: ‚Was zum Teufel war das denn?‘
Ja, im Film deines Lebens
bist du die Erste, die stirbt.
Und die Kritiker nannten es nur ‚Müll‘. Schade!“
Und weiter heißt es:
„Du hast einen rechten Haken an die Kinnlade bekommen.
Also gehst du und wischt dir den Mund ab,
packst ein bisschen Puder auf die Wangen
und du fühlst dich ein bisschen besser.“
Gefühlschaos
Wie das nun einmal immer so ist: Wenn man mit seinen Gefühlen nicht zurande kommt, wissen es andere besser:
„Sie sagen dir, dass du zu viel fühlst:
Euphorie bis hin zur Enttäuschung.
Der ganze Mist, den sie in den Songs singen, die du liebst,
die größten Glückstreffer und die tiefsten Schnitte
Es bricht alles zusammen – das tut es immer.
Es klappt alles – das tut es auch immer.“
Katzenjammer aus nächster Nähe
Geschrieben hat Holly Humberstone „To Love Somebody“, nachdem sie aus nächster Nähe den Liebeskummer einer engen Freundin miterlebte. Und so ist in Hollys Song viel von den Ängsten und der Unsicherheit zu spüren, die sich gerade nach einer gescheiterten Beziehung ausbreiten und es so schwer machen, sich auf jemand Neuen einzulassen. Überraschenderweise aber ist das nicht Hollys Sicht der Dinge.
Bereits in „Drop Dead“ und „The Walls Are Way Too Thin“ sang sie aus sehr persönlicher Sicht über Ängste, toxische Beziehungen und gefühlte Überforderung, „Welcome Back, Seasonal Depression“ handelt in offener Weise von wiederkehrenden Depressionen. Immer wieder besingt sie die Unsicherheiten gerade junger Menschen in einer Welt, die in einem unglaublich hohen Maße Veränderungen verlangt. Die Welt als Chaos – und der Mensch hilflos mittendrin, so das Szenario, das sich durch die meisten ihrer Songs zieht. Typischer dark-edged Pop.
Trotzdem Hoffnung
Doch Hoffnungslosigkeit ist nicht das Ding von Holly Humberstone – im Gegenteil: Unter einem Verlust nicht nur zu leiden, sondern sogar etwas Positives daran zu sehen – das ist eine bemerkenswerte Grundhaltung einer Sängerin, die gerade einmal 25 Jahre alt ist. Und sie setzt sogar noch einen drauf: Um extremes Glück zu empfinden, muss man extreme Traurigkeit kennen, sagt sie im Interview. Einer der vielen Widersprüche im menschlichen Dasein, die kaum erklärbar sind.
Leid als Teil des Lebens
Aber mit denen man nicht nur leben muss, sondern auch leben kann – zumindest wenn man eine Weltsicht hat wie Holly Humberstone: Schmerz und Leid gehören unausweichlich zum menschlichen Dasein. Ohne diese schmerzhaften Erfahrungen wäre man nicht vollständig menschlich, würde Erfahrungen fehlen, die den Menschen zum Menschen machen.
Ein Gedanke, der sich auch im Christentum, aber auch im Buddhismus findet. Wer durch schwierige Zeiten geht, lernt mehr über sich selbst und entwickelt neue Stärken. Durch schwierige Erfahrungen bis hin zu Lebenskrisen lassen sich wichtige Lektionen ziehen, um im Leben voranzukommen.
Verletzlichkeit annehmen
Mit „To Love Somebody“ habe sie ihrer Freundin auch sagen wollen: Bei all dem unumgänglichen Leid im Leben hast du wenigstens die Erfahrung von Liebe gemacht. Vielleicht nur für eine begrenzte Zeit, aber immerhin. Insofern ist „To Love Somebody“ eine Einladung, die Verletzlichkeit des Menschseins anzunehmen und zu erkennen, dass Liebe, trotz aller möglichen Enttäuschungen, der wichtigste Aspekt des menschlichen Daseins ist.
Holly Humberstone – „To Love Somebody“
Der bei Radio Salü gesendete Beitrag ist eine Kurzfassung dieses Textes.
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