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Linn, Rosa – Snap

Turin, Mai 2022: Der Eurovision Song Contest lauft auf vollen Touren. Soeben bekommt ein Song 21 Publikumspunkte, 61 insgesamt. Das ist nun nicht gerade die Welt. Und so springt der 20. Platz heraus. Eine Platzierung „weit abgeschlagen“, irgendwo unter „ferner liefen“. Und angesichts von insgesamt 25 Finalteilnehmerinnen und -teilnehmern tatsächlich kein großer Erfolg. Was allerdings in der Geschichte des ESC nun wirklich nichts Neues ist. Denn deutsche Beiträge erreichen abgesehen von wenigen Ausnahmen nur selten deutlich bessere Plätze. Und deshalb sind diese Songs und ihre Interpreten dann auch meistens schnell vergessen.

Viraler Hit dank TikTok

In diesem Fall ist alles anders: Noch nie in der Geschichte des ESC hat ein Song, der lediglich Platz 20 erreichte, anschließend alle anderen Songs an Popularität übertroffen. Und das bei weitem. Konkret heißt das: Vier Monate nach jenem denkwürdigen ESC in Turin ist dieser Titel dank TikTok ein viraler Hit. Und gelangt von da aus in mehr als zwei Dutzend Ländern in die Charts.

NICHT Deutschland!

Spätestens an dieser Stelle des Textes kann allerdings nicht mehr verheimlicht werden, dass es sich nicht um den deutschen Beitrag beim diesjährigen ESC handelt. Der landete nämlich auf Platz 25 und ist, wie viele andere deutsche Beiträge vor ihm, längst mehr oder weniger vergessen. Oder erinnern Sie sich noch an „Rockstars“ von Malik Harris? Jetzt vielleicht wieder.
Nein, in diesem Fall geht es eben nicht um den deutschen Beitrag, sondern um den der 21jährigen Rosa Kostandjan, Bühnenname Rosa Linn. Und die kommt aus Armenien. Hunderttausende Videoclips sind mittlerweile mit ihrem Song hinterlegt, machen ihn also zum viralen Hit. Um der großen

Verwunderung deutlich Ausdruck zu verleihen, sei auch dieses ein zweites Mal gesagt: In der Geschichte des ESC ist das wirklich einmalig.
ESC als falsche Plattform?

Vielleicht war der ESC einfach die falsche Plattform für „Snap“, vielleicht ist TikTok ganz einfach der bessere Kanal für einen Song dieser Art: ein Song, dessen Inhalt jede und jeder einzelne möglicherweise schon einmal selbst erlebt hat, zumindest aber weiß, dass so eine Situation jederzeit möglich ist. Für Rosa Linn ist „Snap“ ein ganz persönlicher Song.

Autobiographische Züge von „Snap“

Denn er enthält autobiographische Züge:

„Es ist 4 Uhr morgens. Ich kann meinen Kopf nicht abschalten.
Ich wünschte, diese Erinnerungen würden verblassen. Aber das tun sie nie.
Es stellt sich heraus, dass die Leute gelogen haben.
Sie sagten: Schnippe einfach mit den Fingern!
Als ob es für mich wirklich so einfach wäre, über dich hinwegzukommen.
Ich brauche nur Zeit.“

So etwas kennt jede/jeder

Rosa Linn geht davon aus, dass jeder schon einmal an einem Tiefpunkt in seinem Leben war, sagt sie im Interview. Ein Punkt, an dem man das Gefühl habe, dass es keinen Ausweg mehr gebe und dass die ganze Welt um einen herum zusammenbreche. In solch einer Situation beginnt man, alles in Frage zu stellen, sogar sich selbst.

Einfach wegbeamen geht nicht

Dabei könnte es so einfach sein, zumindest theoretisch. Und im Film: Vor knapp 60 Jahren schaffte es die US-amerikanische Serie „Bezaubernde Jeannie“ ins deutsche Fernsehen. Dabei wird ein Astronaut zum Meister eines Flaschengeistes, jene Jeannie eben, die ihm jeden Wunsch erfüllen muss. Das geht leider meistens schief, woraus sich die komischen Szenen der Serie ableiten. Wesentlich aber: Legt Jeannie ihre Arme übereinander und nickt mit dem Kopf, verschwindet sie. Einmal genickt – und schon hat Jeannie auch mit dem größten Problem nichts mehr zu tun. Die Wirklichkeit ungeschehen machen kann Jeannie mit diesem Trick allerdings nicht.

Keine Hilfe gegen Depressionen

So geht es auch Rosa Linn in „Snap“:

„Schnipp eins, zwei – wo bist du nur?
Du bist immer noch in meinem Herzen!
Schnapper drei, vier – ich brauch dich hier nicht mehr!
Geh raus aus meinem Herzen. Denn ich könnte ausrasten!
Mein Herz brennt lichterloh.
Ich habe meine Nächte im Regen verbracht.
Ich versuche es zu löschen.“

Schnipsen als Abwehr von Depressionen und Veränderung der Wirklichkeit? Das funktioniert nicht im Film, erst recht nicht in der Realität. Und so verblieb Rosa Linn in einer Situation, die sie später als „Achterbahn der Gefühle“ beschreibt: irgendwo zwischen untröstlich, verwirrt, verängstigt und anderen unguten Gefühlen.

Schreiben als Therapie

Erst mit dem Schreiben von „Snap“ habe sie die Situation langsam in den Griff bekommen.

Rosa Linns Problem: Sie kommt von ihrem Ex einfach nicht los. Aber durch das Schreiben des Songs verarbeitet sie ihre Gefühle, findet ihren inneren Frieden und damit auch die Kraft, ihre eigene Realität wieder zu gestalten. Das Schreiben des Songs sei eine Art von Therapie gewesen, sagt sie später.
Künstler haben es also mehr oder weniger leicht: Sie können Probleme „einfach so wegschreiben“. Na ja, ganz so einfach gelingt das auch ihnen nicht. Aber sie haben mit dem Schreiben ein Werkzeug in ihren Händen, mit dem sie ihr Problem reflektieren, mehr oder weniger vollständig erfassen und verarbeiten können.

Reflexion der besonderen Art: Gebet zu Gott

Genau genommen nichts Neues, auch nicht gerade ein Talent, über das nur Künstler verfügen. Jeder Mensch kann sich in sich selbst hineinversetzen, in seinem Inneren forschen, meditieren, über sich nachdenken und auf diese Weise seine Probleme angehen. Fromme Menschen nennen dieses Vorgehen „beten“. Sie tragen ihre Probleme vor Gott und sind überzeugt davon, dass er ihnen eine Antwort gibt. Dazu muss man keinen Satz hören, auch kein Zeichen am Himmel erkennen. Wenn sich durch Meditation und Gebet für ein Problem Lösungswege auftun, sehen fromme Menschen hierin durchaus ein Eingreifen Gottes.

Versuch macht klug

Wer es nicht versucht und einübt, kann es nicht beurteilen. Aber ein Weg zu einem inneren Frieden ist das allemal. Zumindest einer, der weitaus besser ist als mit den Fingern zu schnippen. Das verändert nämlich keine Probleme, singt Rosa Linn in „Snap“.

Der bei Radio Salü gesendete Beitrag ist eine Kurzfassung dieses Textes.

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