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Harris, Malik – Rockstars

Früher hieß er mal „Grand Prix Eurovision de la Chanson“, seit 2001 aber heißt er „Eurovision Song Contest“ – ein Ereignis, das Millionen von Menschen europaweit in seinen Bann zieht. Zum 66. Mal findet am kommenden Samstag der ESC, so der Kurzname für den abendfüllenden Wettbewerb, statt. Und wie so oft

Germany – no points; Allemagne – zéro point

könnte es dann wieder einmal lauten: „Germany – no points; Allemagne – zéro point“. Eine Redewendung, die längst zum geflügelten Wort geworden ist, wenn jemand es mal wieder nicht geschafft hat. Oder einfach Mist gebaut hat.

Okay, Nicole und Lena holten auch schon mal den Sieg für Deutschland. Aber Lenas Überraschungssieg ist mittlerweile auch schon 12 Jahre her. Und Nicoles Traum von „Ein bisschen Frieden“ liegt mittlerweile 40 lange Jahre zurück – und ist tagesaktuell ebenso ein frommer Wunsch wie die Rückkehr eines deutschen Teilnehmers an die Nummer 1-Platzierung. Malik Harris soll es in diesem Jahr richten. „Rockstars“ heißt sein Titel. Damit will der Mann aus Landsberg am Lech in Oberbayern gewinnen – warum auch nicht? Schließlich startete auch Johnny Cash seine große Karriere aus derselben Stadt. Denn bekanntlich absolvierte Johnny Cash dort seinen Militärdienst, bevor er auf die großen Showbühnen der Welt wechselte.

Wenig Chancen

Eine Umfrage der Organisation Générale des Amateurs de l’Eurovision, kurz OGAE, allerdings räumt dem deutschen Teilnehmer nicht allzu viel Chancen ein: Bei einer Vorabstimmung gaben nämlich lediglich die Letten dem deutschen Teilnehmer magere zwei Pünktchen. Was allerdings angesichts der 40 Teilnehmerinnen und Teilnehmer immerhin noch für Platz 24 reichte. Und damit für einen guten Mittelfeldplatz.

Wunder gibt es immer wieder

Aber spätestens seit Katja Ebstein 1970 für Deutschland Rang drei erreichte, wissen wir: Wunder gibt es immer wieder! Wobei es in diesem Jahr schon ein Wunder wäre, wenn nicht die Ukraine die meisten Punkte und damit Platz

für sich verbuchen könnte. Völlig egal, welche Musik uns da entgegenschallt. Einfach als politisches Zeichen, als Zeichen der europäischen Solidarität.
Malik Harris

Schauen wir trotzdem – oder gerade deshalb? – etwas genauer auf den deutschen Teilnehmer. Malik Harris ist längst kein Unbekannter mehr. Mit 13 erfolgten erste Gehversuche am Klavier, dann spielte er Coversongs, veröffentlichte 2018 seine erste Single, dann eine EP. Zwischenzeitlich war er im Programm von Tom Odell, James Blunt und Jeremy Loops zu sehen, ganz aktuell als Supportingact von Amy MacDonald. Da spielt er dann Songs aus seinem Debütalbum „Anonymous Colonist“. Na ja, und natürlich seinen Titel „Rockstars“ – egal, wie der am Samstag abschneiden wird.

Passt in unsere Zeit

Denn der Song ist wie gemacht für unsere Zeit. Er konserviert Träume und kindliche Erinnerungen, führt uns zurück in eine Zeit, in der viele mit dem Badmintonschläger unterm Arm Luftgitarre spielten oder die Haarbürste als Mikrophonersatz vor die Lippen hielten.

„Schau mal hin, wo wir im Moment stehen.
Früher waren wir die Rockstars.
Wer von uns hat je etwas Böses gedacht?
Bis dieses Ding, das wir Leben nennen, seinen Glanz verlor.
Ich wünsche, es gäbe einen Weg zurück zum Träumen.
Das Erinnern fällt (mittlerweile schon) schwer, wenn die Zeit so schnell vergeht.
Ich wünsche, es gäbe einen Weg zu wissen,
dass wir in diesen guten alten Zeiten sind,
bevor wir sie verlassen.“

Wo sind die guten alten Zeiten hin?

Die guten alten Zeiten – das sind Zeiten, in denen man sich keine Sorgen machte; Zeiten, die unbeschwert und frei waren. Zeiten, in denen man lebte wie im Paradies. Doch diese Zeiten sind längst vorbei. Das Bewusstsein hat sich geweitet. Und mit ihm der Blick für die Unzulänglichkeiten in der Welt. Und genau die machen Angst. Oder wie Malik singt:

„Ich habe versucht, den Schmerz loszuwerden.
Ich habe versucht, dass er verschwindet,
aber es wird sich wohl nicht ändern.
Immer muss ich an meine Sorgen denken.
Ich sitze da und vermisse diese unschuldigen alten Tage,
in denen ich mich vor nichts und niemandem gefürchtet habe.
Jetzt fürchte ich, ein Niemand zu sein.
Ich will mein Bett nicht mehr verlassen.
Ich bleibe liegen und bekomme nichts auf die Reihe.“

Verlust des Paradieses – die Bibel

Wenn das Leben seine Unschuld verliert – der Vergleich zum Sündenfall, wie ihn die Bibel beschreibt, drängt sich regelrecht auf: Die Menschen leben im Paradies, sind unschuldig, ohne Sorgen. Bis sie vom Baum der Erkenntnis naschen. Was so viel heißt wie: bis sie den Unterschied zwischen Gut und Böse kennenlernen. Jetzt ist das Übel in der Welt: Denn Menschen entscheiden sich oft genug gegen das Gute. Sie übervorteilen sich gegenseitig, bekämpfen vermeintliche Feinde, sorgen sich nicht umeinander. Und sie vernachlässigen eine ihre wichtigsten Aufgaben, nämlich sich um den ihnen anvertrauten Lebensraum angemessen zu kümmern.

Von Klimakrise bis Krieg

Was die Bibel in Form einer weisen Erzählung beschreibt, können wir mit nüchternen Begriffen ganz aktuell zusammenfassen: Klimakatastrophe, Pandemie, Krieg, Hass und Neid. Und immer mehr Menschen scheinen mit dem, was ihnen das Leben gerade unvermittelt präsentiert, nicht mehr mithalten zu können. Sich die Bettdecke über den Kopf ziehen und warten bis alles vorbei ist – eine Vorstellung, die zumindest nicht weiterhilft.

Reset-Knopf

Malik singt von Zweifel und Fehlern, in denen er sich gefangen fühlt. Und von dem Wunsch, einfach den Reset-Knopf zu drücken und einen Neustart durchzuführen.
Was also den Inhalt des Songs anbelangt: Millionen von Menschen dürften sich damit identifizieren. Denn viele Menschen würden gerne tauschen: Zweifel und Sorgen gegen Unbekümmertheit und Freude, Angst gegen Vertrauen, lähmende Traurigkeit gegen befreiende Zuversicht. Was aber nicht so einfach geht. Denn irgendwie haben die meisten Menschen nicht gelernt, wie man damit umgeht, wenn an die Stelle der unbeschwerten Kindheit das „richtige Leben“ tritt.

Lösung des Problems?

Was man tun muss, welche Lösungen es gibt – Malik gibt hier keine Antworten. Theologen hätten eine: Wer sich auf die Liebe Gottes bezieht, wer sich bei seinen täglichen Entscheidungen für das Gute und gegen das Böse entscheidet, der trägt zum Frieden auf Erden bei. Der ersetze Hass und Neid durch Menschlichkeit und Nächstenliebe, Traurigkeit durch Zuversicht. So oder ähnlich würden Theologen das ganze Problem formulieren. Eine Botschaft, die aus einer anderen Welt zu kommen scheint.

Gute Botschaft

Oder auch nicht. Vielleicht erreicht Malik ja mit seiner Botschaft die Menschen; und wenn schon nicht direkt beim ESC, dann vielleicht noch danach. Dann wäre sogar zu verschmerzen, wenn es auch in diesem Jahr das eine oder andere Mal heißt (, was wir natürlich so nicht wollen): „Germany – no points; Allemagne – zéro point“
Malik Harris und „Rockstars“.

Der bei Radio Salü gesendete Beitrag ist eine Kurzfassung dieses Textes.

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